Nach Soloprogrammen wie Schule, Oida! (2013), Chill amal, Fessor! (2024) und Nie mehr Schule! (2024) zückt Moderator, Schauspieler und Österreichs lustigster Lehrer Andreas Ferner erneut Kreide und Schwamm. Mit seiner urkomisch-absurden Lektion Bro-Fessor, checkst du? nimmt er die Fallstricke des modernen Lehrerberufs auf die Schaufel. Von WhatsApp-Gruppen für Helikoptereltern, die Islamisierungsforen in Sachen Radikalisierung längst den Rang ablaufen und in denen die Lehrkräfte für ihre eigenen Erziehungsversäumnisse zur Rechenschaft gezogen werden, rund um die Uhr TikTok konsumierenden Schülerinnen und Schülern mit Forderungen nach Work-Life-Balance bis hin zu Schulen, die zunehmend zu Safe Spaces verkommen und Versagensängsten mit Verhätschelung, Bildungsresistenz und übermäßiger Nachsicht begegnen. Und davon, warum sich Österreich von den britischen Brennpunktschulen eine Scheibe abschneiden kann.
von Christina H. Janousek, 4. 8. 2026
Nach gut 25 Jahren im Schuldienst hat der an einer HAK unterrichtende Andreas Ferner die Reißleine gezogen und dem Lehrerberuf den Rücken gekehrt. Und wenn man seinen Anekdoten aus dem Schulalltag lauscht, scheint der Wechsel ins Kabarett beinahe folgerichtig. Selbst jene hartnäckigen Albträume von der Matura oder der letzten Schularbeit, die einen noch Jahrzehnte nach der Reifeprüfung heimsuchen, wirken dagegen fast harmlos.
Gemeinsam mit Regisseurin Marion Dimali hat der studierte Wirtschaftspädagoge für die Vorpremiere im Wiener Tschocherl ein neues Programm ertüftelt, das er mit einem Augenzwinkern – Vorsicht: Triggerwarnung! – als A(D)HS-Erlebnis ankündigt.

Als selbsternannter einziger Kabarettist, der Zwischenapplaus liebt, weiß Ferner die Mitarbeit seines Publikums zu schätzen. Ganz ohne aufzuzeigen darf es mitentscheiden, welche Pointen den Sprung ins finale Herbstprogramm am 28. 10. 2026 schaffen. Inklusive der besten persönlichen und von Ferner höchstpersönlich ausgewählten Publikumsausreden dafür, warum man einst zu spät gekommen ist, als man noch die Schulbank drückte. (Wer nicht bis zur Premiere im Orpheum warten will, kann sich übrigens vorher noch weitere Vorpremieren gönnen. Hier geht’s zu den Terminen).

Wenn Eltern für den Geschichts- oder Sexualkundeunterricht Triggerwarnungen fordern, der Lehrer sich bei einer vermeintlich unfairen Benotung vom Onkel Gustav eine zweite Meinung einholen soll – Anwalt inklusive –, ein Schüler glaubt, mit seinem Wissen über PISA gegen ein Scheitern bei der gleichnamigen Studie gefeit zu sein oder Lehrkräfte während der Wintersportwoche als Snapchat-Brandschutzbeauftragte täglich Inhalte posten sollen, damit die Flammenemojis der Kinder nicht erlöschen, ist der schulische Alltag bereits skurril genug.
Doch damit nicht genug: Das eigene Kind soll beim Klassenvorstand übernachten und per täglichem Livestream überwacht werden, ein Schüler versäumt den Unterricht, weil er angeblich seine eigene Tante heiratet, pädagogische Quereinsteiger denken bei der Frage nach ihrem pädagogischen Bezug an Bettwäsche, und eine andere Schülerin erkundigt sich nach der „Masturbationsmöglichkeit“ statt der Maturiermöglichkeit im Fach Handarbeit. Für Andreas Ferner steht fest: Das österreichische Schulsystem hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Tonal changiert Ferner in Bro-Fessor zwischen persönlichem Frust – von dem immer eine gesunde Portion mitschwingt –, Ausdauer, etwa wenn er einer Mutter beim Elternsprechtag erklärt, dass sie sich nicht hinter dem Datenschutz verstecken könne und dieser einem ehrlichen Feedback zu ihrem Kind nicht im Weg stehe, und zynistischer Standhaftigkeit. Diese zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Schüler trotz Fußschmerzen an einer Mathematikschularbeit teilnehmen muss, weil er sich mit einem gebrochenen Fuß beim Bruchrechnen einen unfairen Vorteil erschlichen hätte.
Es sind genau solche Wortspielereien, die in Bro-Fessor anfangs wie klassische Dad Jokes anmuten. Manche würden sie wohl als „cringe-worthy“ abtun. Mit der zunehmenden Absurdität der geschilderten persönlichen Erfahrungen nehmen sie aber immer mehr an Fahrt auf. Und sind schließlich nicht mehr aus dem Programm wegzudenken.

Sentimental wird Ferner in Bro-Fessor, checkst du? nicht. Auch wenn er damals selbst gerne in die Schule gegangen ist und sich durchaus vorstellen könnte, denselben Berufsweg noch einmal einzuschlagen. Freilich mit ein paar kleinen Änderungen, wie er schon mal gestand. Eine nostalgische Verklärung des Lehrerberufs bleibt aus. Stattdessen setzt er bis zum Schluss auf pointierte Beobachtungen und selbstironischen Humor. Gerade weil Ferner eine Schulklasse selbst einmal wiederholen musste und ihm seine Hyperaktivität beinahe einen Rausschmiss eingebrockt hätte, weiß er aus eigener Erfahrung, dass eine Niederlage der beste Lehrer ist.
Gerade Eltern, die wegen der Laktoseintoleranz ihres Kindes bei Mathematikschularbeiten auf eine rücksichtsvollere Benotung bestehen und dessen “energetischen Engpass” in Whatsapp-Gruppen verteidigen, diese Einsicht zu vermitteln, gestaltet sich als besondere Herausforderung. Sowie jenen, die ihr Kind für vermeintlich hoch begabt halten, es Pepsi Carola taufen. Oder solchen, die den Physikprofessor für das Trainsurfing auf der U-Bahn bei einer Tik-Tok-Challenge verantwortlich machen.

In Bro-Fessor, checkst du? nennt Ferner die englischen Turnaround-Schulen als Maßstab für das österreichische Schulsystem. Das sind eine Art Brennpunktschulen, denen in England ab den 2000er Jahren unter Premierminister Tony Blair im Zuge gezielter Reformen eine Trendwende gelungen ist und die sich von Problemschulen zu Vorzeigeprojekten entwickelt haben. Anstatt über Elitebildung, Leistungsdruck oder soziale Ungleichheit zu klagen, wurden Schulen mit jahrelang katastrophalen Ergebnissen mit einer neuen Leitung versehen, erhielten mehr Autonomie bei der Gestaltung von Lehrinhalten und Spezialisierungen, verfügten ohne Vorgaben der Gemeinden über das gesamte Schulbudget, waren unabhängiger bei der Einstellung von Lehrkräften und der Festlegung von Gehältern und konnten auch Schulzeiten sowie interne Regeln flexibler gestalten.
Wenn man sich hingegen die Entscheidung unseres Bildungsministers Christoph Wiederkehr vor Augen führt, ab Herbst 2026 Lehrkräfte stärker in administrative Aufgaben einzubinden und dadurch ihre Unterrichtszeit zu reduzieren, erscheint es fraglich, ob Österreich den britischen Fußstapfen in unmittelbarer Zukunft folgen wird. Statt mehr Eigenverantwortung für Schulen zu schaffen, dürfte damit vor allem der Lehrkräftemangel weiter verschärft werden.
Besonders deutlich zeigt sich die Frustrationsintoleranz jener Schülerinnen und Schüler in Bro-Fessor, checkst du?, die die Schule lieber für eine Karriere als Influencer, Model oder Drogenkartellboss hinschmeißen würden. Und dabei übersehen, dass sie selbst dafür das Wissen aus der Schule brauchen würden. Die nacherzählten Dialoge mit den Schülerinnen und Schülern bilden zusammen mit den besten Ausreden für das Zuspätkommen oder nicht gemachte Hausaufgaben und den inhaltlich und grammatikalisch nicht immer ganz einwandfreien Abwesenheitserklärungen der Eltern das Herzstück des gesamten Programms. Gerade in ihnen wird Ferners heitere Art, Wissen mit Humor zu verknüpfen, besonders deutlich. Auch die Perspektive von Ferners eigenen Kindern auf seine Rolle als Lehrer bilden eine reizvolle Ergänzung.

Andreas Ferners neues Programm Bro-Fessor, checkst du? ist eine bitterböse, aber notwendige Kampfansage an all jene, die den Lehrerberuf mit einem ausschließlichen Erziehungsauftrag verwechseln. Ebenso richtet es sich an Eltern, die vom Fehlverhalten ihres Kindes offenbar erst durch die Bodycam einer Lehrkraft zu überzeugen wären.
Gleichzeitig ist das Programm ein ermutigender Appell, bei der ersten Schwierigkeit nicht sofort das Handtuch zu werfen. Die Geschichten sind wahr – und gerade deshalb so absurd und komisch. Vielleicht fühlt man sich dabei weniger in die eigene Schulzeit zurückversetzt, als man zunächst erwarten würde. Umso mehr lohnt es sich aber, hier die Schulbank zu drücken. Und sich vielleicht sogar die eine oder andere Ausrede für’s Zuspätkommen zu merken.
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Christina lebt bei den Helden der Freizeit ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort aus. Sei es mit Berichten zu Events, Filmen, Ausflügen oder Literatur. Dazu schreibt sie auch für andere Medien und veröffentlicht englischsprachige Kurzgeschichten.
