Nach elf Jahren Wartezeit wird Puccinis in Rom angesiedelter Opernthriller „Tosca“ noch bis 22. August endlich wieder im Steinbruch St. Margarethen aufgeführt – und das Warten hat sich gelohnt. Wie die mörderische Dreiecksgeschichte eines für alle tödlichen Spiels, vollgepackt mit allen nur erdenklichen Leidenschaften, diesmal erzählt wird, ist eine große Überraschung. Wer hätte gedacht, dass dieses teils intime Drama, das im zweiten Akt sogar in einem Zimmer spielt, durch theatralische Überhöhung zu einem bombastischen Barocken Mysterienspiel werden kann? In der Umsetzung von Regisseur und Bühnenbildner Thaddeus Strassberger funktioniert das auf der gigantischen, vielleicht schönsten Freilichtbühne Europas beeindruckend. Unsere Kritik nach Besuch der Premiere. Schau dir dazu auch hier unsere wunderschönen Video-Eindrücke auf Instagram oder auf TikTok von der Premiere an.
von Martin Kienzl, 18. 7. 2026
Strassberger hat sich eine ganze sakrale “Tosca-Stadt” – die historische Erinnerung an Max Reinhards Fauststadt von Salzburg 1933 liegt nahe – in den Steinbruch gebaut. Vollgefüllt mit allen nur erdenklichen römisch-katholischen Symbolen, Ritualen, allegorischen Figuren, Devotionalien und Effekten. Im Gegensatz zu der Inszenierung des Hollywood-Regisseurs Robert Dornhelm 2015 verzichtet man diesmal vollständig auf Videos mit Nahaufnahme der Protagonisten. Dem entsprechend steht das Zwischenmenschliche hier weniger im Fokus. Die Bühne wird weit ausgeschritten und die Mikrofonierung macht das Spiel mit. Keine Sekunde lang sucht man nach der Position der Sänger, die man gerade hört. Eine technische Meisterleistung.
Dirigent Valerio Galli hält die musikalischen Fäden fest in der Hand und stellt seine Puccini-Kompetenz unter Beweis. Im weiten Rund des Steinbruchs lässt er musikalisch nichts überstürzen, setzt auf ein weites Ausschwingen von Puccinis schwelgerischer Melodik.

Joyce El-Khoury zeichnet das stimmliche Portrait einer feinnervigen, aufgekratzten Tosca. Ihr Gebet ist ebenso innig wie emotional aufgewühlt. In der großen Erregung liegt ihre Stärke. Wenn sie Cavaradossi im dritten Akt von ihrem Mord an Scarpia berichtet, wird das dramatische “Messer-C” zum Aufschrei einer gequälten Seele.
Ihr Geliebter, der Maler Cavaradossi, bewahrt in Gestalt von Yongzhao Yu die Gelassenheit gegenüber seiner eifersüchtigen Tosca auch im Stimmlichen. Anfangs noch etwas flattrig, punktet er im Laufe des Abends weniger mit subtilen Zwischentönen als mit einem robusten Tenor. In der oberen Mittellage entfaltet die Stimme Schmelz. Die Höhen erreicht Yu mühelos. Nach der Premierennervosität geht er vielleicht etwas mehr Wagnis ein – etwa durch ein impulsiveres “Vittoria!”

Gveorg Hakobyan stellt in seinem vokalen Portrait des Polizeichefs Scarpia die Gewöhnlichkeit des Bösen in den Fokus. Eine Brutalität, die wie alltägliche Routine wirkt. Der diabolische Handlanger eines totalitären Regimes spielt während seiner Verhandlung mit Tosca seelenruhig Billard. Hakobyans gelassen wirkende stimmliche Interpretation entspricht dieser Rollensicht.
Als Angelotti lässt Volodymyr Morozov dessen Getriebenheit und prekäre Lebenssituation in jeder Note seines veritablen Basses spüren. Prägnant auch das Rollenportrait Spolettas in der Interpretation von Peter Kirk, der einen scharfzüngigen, zwielichtigen Charakter zeichnet.

Der Platz einer Rezension reicht nicht aus, um alle fantastischen neuen Ideen, die Thaddeus Strassberger zu dem Stück eingefallen sind, aufzuzählen. Bereits das Einläuten zum Te Deum, in einer Bühnenaufführung musikalisch eher im Hintergrund, wird hier gezeigt: riesige Glocken schwingen über der Kirche. Das Te Deum selbst überrascht mit dem Clou der Aufführung: Ein gigantischer Altar – ein “Theatrum Sacrum” – öffnet sich. Vierstöckig, kolossal, strahlend weiß wie Toscas Gewänder. Es öffnet sich sogar noch nach vorne zum Publikum. Ein Effekt, der im Finale der Oper noch einmal zum Einsatz kommt. Man muss das einfach auf dieser riesigen Bühne erlebt haben. Die Wirkung ist phänomenal.
Hier wird alles zum großen Theater und zum Ritual. Bevor noch zu Beginn der Oper der gehetzte Angelotti in Panik hereinstürzt und die Orchesterschläge die Brutalität der Schergen, die hinter ihm her sind, illustriert, gibt es einen Knalleffekt. Ein hoch auf einem Felsen positionierte Kanone gibt einen Schuss ab. Eine riesige Engelsstatue stürzt ein. Ganz im Sinne Puccinis reißt es uns hier förmlich mitten ins Geschehen hinein.

Derartig drastischer Ausdrucksmittel, nach denen die Dimensionen des Steinbruchs verlangen, bedient sich die Regie unzählige Male. Cavaradossis Folterung wird schonungslos gezeigt. Unter einem Kruzifix bricht er zusammen. Scarpia wird von Tosca nicht nur niedergestochen, sondern förmlich gepfählt. Danach legt sie seine Leiche in eine Tumba, ein Tischgrab. Cavaradossi wird, wie am Ölberg, mit zwei weiteren Gefangenen hingerichtet. Angelotti wird tatsächlich im dritten Akt, wie von Scarpia im zweiten angekündigt, auf einem Galgen gehängt. Dass der Einsatz von Weihrauch im Te Deum des ersten Aktes nicht spärlich ausfällt, braucht, bei all diesen Effekten aus der Trickkiste der römisch-katholischen Kirche, hier auch nicht verwundern.
Strassberger hat das Finale der Oper erneut durch eine sakrale Überhöhung inszeniert und ihm damit eine besondere Dimension verliehen. Tosca stürzt sich nicht von der Engelsburg. Das “Theatrum Sacrum” mit den opulenten Kostümen Giuseppe Palellas öffnet sich wieder. Tosca erscheint wie Erzengel Michael mit dem Schwert. Der ihr zu Füssen liegende Satan ist freilich Scarpia. Ihre letzten Worte “O Scarpia, avanti a Dio!” – “Oh Scarpia, vor Gott!” passen perfekt zum Gezeigten – so, wie sämtliche Szenen dieser Aufführung, die sich an Text und Stückaussage hält und dennoch einen erfrischend neuen Zugang zu diesem Evergreen der Opernliteratur bietet. Und die damit eine Wirkung entfaltet, die man live erlebt haben muss. Suchtgefahr!
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Hinweis: Dieser Artikel ist im Zuge einer Kooperation mit der Oper im Steinbruch entstanden.
Der erfahrene Kulturjournalist (ehemals Bühne, Wien exklusiv, Stil Ikonen usw.) berichtet bei den Helden der Freizeit über Eventhighlights und in seiner beliebten Grenzgänger-Serie über erstaunliche Ausflugsziele nahe der österreichischen Grenze.
