Nachdem Stefan Kutzenberger im letzten Roman seiner autofiktionalen Trilogie (Jokerman und Kilometer Null haben wir für euch rezensiert) den Protagonisten, mit dem er sich den Namen teilte, zu Grabe getragen hat, begibt er sich mit Die Liste der Lebenden in bisher unbekannte Gewässer.
von Peter Huemer, 4. 9. 2026
Im Jahr 1858 ereignete sich eines der größten Schiffsunglücke des 19. Jahrhunderts. Der Passagierdampfer Austria fing bei seiner Überfahrt von Hamburg nach New York Feuer. Von den 542 Menschen an Bord überlebten nur 89. An Bord befand sich auch eine gewisse Henriette Wulff, Tochter einer bekannten dänischen Familie und langjährige enge Freundin des weltberühmten Schriftstellers Hans Christian Andersen, dem Autor unzähliger Märchen, die einen festen Platz in unserem kulturellen Bewusstsein haben.
Stefan Kutzenberger entwirft nun seine Version des Untergangs der Austria und lässt die auf einer Tür treibende Henriette imaginäre Briefe an Andersen schreiben. Gleichzeitig schreibt Andersen Briefe nach Amerika, bis er erkennt, dass seine Freundin nie dort angekommen ist. Obwohl die Botschaften der beiden Gesprächspartner nie ihr Ziel erreichen, scheint eine unzertrennbare Verbindung zu bestehen.

Stefan Kutzenberger lässt seine zwei Figuren nicht nur aus entgegengesetzten Positionen, sondern auch in unterschiedliche Richtungen erzählen. Henriette (Jette) ist auf dem Meer, kann in jenem Moment nicht mehr wirklich in ihr Schicksal eingreifen und springt zurück zum Beginn des Unglücks. Von dort aus treibt sie ständig in neue Richtung ab, wird abgelenkt und wiederholt sich manchmal, versucht aber die Reise bis zum Untergang gemeinsam mit ihrem momentanen Erleben wiederzugeben. Es ist wie ein Tanz: Zwei Schritte vor, einern zurück, einer zur Seite und wieder zwei nach vor.
Dahingegen erzählt Andersen vor allem von sich selbst, von seinen Erinnerungen an Geschichten, bei denen Jette meist gar nicht dabei war. Er untersucht diese eindrücklichen Episoden, um sich daraus seine jetzigen Gefühle zu erklären. Zuerst ist er verärgert, weil Jette nach Amerika auswandert, dann ist er verzweifelt, weil er nicht weiß, ob sie noch lebt. Aus seinen Erinnerungen, die er dichtet, als wären sie Literatur (was sie natürlich sind), baut er sich eine Erklärung für seine Gefühle und sein Handeln. Er rechtfertigt sich vor der verlorenen Freundin. Gleichzeitig macht ihm Jette gar keine Vorwürfe. Die Gesprächspartner hören einander nicht, verhandeln aber die gleichen Themen. Die Tragik entsteht aus der Ehrlichkeit beider. Jette schonungslos – Andersen in Kreisen. Das Ungesagte erscheint als Unsagbares.

Jette Wolff ist im Angesicht ihres nahen Todes frei, obwohl sie auf Rettung hofft. Sie ist in jeder Hinsicht befreit. Sogar die Kleider hat sie abgestreift. Sie treibt nackt auf dem Meer. Aber die Befreiung beginnt bereits mit Besteigen des Schiffes. Der endgültige Abschied erlaubt ihr den Fokus auf Neues zu wenden. Der Kapitän des Schiffes gefällt ihr und sie erlaubt sich, ihm näher zu kommen. Die junge Frau vom unteren Deck ist ihr sympathisch und sie führt mit ihr trotz des Klassenunterschiedes ein Gespräch. Und dann erlaubt sie sich auch alles, was sie stets verdrängt hat, explizit zu denken. Es ist nur konsequent, dass sie dieses Denken in Briefen formuliert.
Parallel zur Befreiung der Henriette Wulff verläuft die Befreiung des Stefan Kutzenberger. Auch der Autor selbst ist im Angesicht des Todes frei – des Todes seines Alter Egos, des Protagonisten seiner Vorgängertrilogie. Der Schritt ins Historische, speziell in die Welt des 19. Jahrhunderts, entfesselt Kutzenbergers Sprache, löst die Ketten der Gegenwart.
Mit Andersens romantischer Sprache hat er genau das gefunden, was sein Erzählen gebraucht hat – die Erlaubnis zur Ausschweifung. Ohne den tatsächlichen Hans Christian Andersen wirklich zu kopieren oder die mögliche Sprache einer Henriette Wulff direkt nachzustellen, findet Kutzenberger die Essenz der Charaktere und eine neue Dimension seines eigenen Stils. Er schafft, was Andersen im Roman verwehrt bleibt, entfesselt die Macht der Literatur, erschafft Handlungsbögen für seine Haupt- und Nebencharaktere, die ein erzählerisches Netz über alles Werfen, das der Geschichte eine Geschlossenheit und dem Leben ein wunderschöne Ordnung verleihen. Er zwingt der Realität die Regeln der Literatur auf. Andersen erblasst vor Neid.
Die Liste der Lebenden ist ein großartiger, historisch inspirierter Roman über die Macht des Ungesagten. Stefan Kutzenberger entwirft entlang historischer Fakten und realer Figuren eine mitreißende und emotionale Erzählung, die einen nicht so schnell wieder loslässt.
Die Liste der Lebenden ist im März 2026 bei Picus erschienen.
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Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.
