Etwas weniger als zwei Jahre mussten Fans warten. Nach Die Gnade der Götter (haben wir euch in dieser Rezension ausführlich vorgestellt) ist jetzt der zweite Teil von James S. A. Corey`s neuem Science-Fiction-Epos The Captive´s War da und hört auf den Titel Der Glaube der Bestien. Der zweite Teil einer Trilogie von den The-Expanse Schöpfern hat ja meistens eine eher undankbare Aufgabe. Es drohen zahlreiche Fallstricke. Ob das Buch erzählerisch da hineintritt oder sie elegant umtanzt, verraten wir euch in unserer Rezension.
von Peter Huemer, 9. 7. 2026
Spoiler-Warnung für den ersten Teil!
Die Ausgangslage des Buches ist denkbar komplex. Die Menschen des Planeten Anjiin wurden von dem übermächtigen galaktischen Carryx Imperium verschleppt und versklavt. Sie waren zum Ende des ersten Buches (Die Gnade der Götter – hier unsere Review) gezwungen, im unausgesprochenen Wettstreit mit einer anderen unterjochten Spezies ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Sonst wären sie als nutzlos deklariert und ausgelöscht worden. Jetzt müssen sie sich in ihren neuen Umständen zurechtfinden, sich integrieren und alte Vorstellungen abstreifen. Gleichzeitig müssen sie Hoffnung finden, dass irgendwann alles besser wird.
Dafyd, der ehemalige Laborassistent, wurde wegen seiner voraussichtig vorgetäuschten Loyalität den Eroberern gegenüber zum Anführer der knapp 4000 entführten Menschen im Weltenpalast der Carryx auserkohren. Nun gilt es nicht nur die Forschungsvorgaben der Carryx zu erfüllen. Es gilt auch gleichzeitig aus den entführten Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern und Militärs eine Gesellschaft zu formen, die in der Lage ist, sich ins Imperium zu integrieren und gleichzeit fähig bleibt, irgendwann Dafyds geheimen Traum zu verwirklichen: Die Carryx von innen heraus zu zerstören.

Der Glaube der Bestien ist ein fast schon archetypischer zweiter Teil einer Trilogie. Während Band eins trotz seiner multiplen Erzählperspektiven recht fokussiert war, weil alle Charaktere, durch deren Augen wir die Geschichte erlebten, sich ungefähr am selben Ort aufhielten, trennt Band zwei die Gruppe von Protagonisten auf. Er fügt neue Perspektiven hinzu und verbreitert die Handlung auf mehrere galaktische Handlungsorte. Einerseits ist das notwendig, weil die Einschränkungen, die ein einzelnes planetares Gefängnis mit sich bringt, den Erkenntnissen und der epischen Stimmung, die eine Geschichte dieser Art benötigt, im Weg stünde. Andererseits birgt diese Aufteilung auch Tücken.
Mit knapp 450 Seiten bewegt sich der Roman im Bereich der Länge eines der Teile der Expanse-Reihe und ist alles andere als kurz. Bedenkt man aner, dass The Expanse neun Bände hatte um seine (zugegebenermaßen noch größer angelegte) Erzählung aufzuziehen, zeigt sich, welche Probleme das in einer Trilogie mit sich bringen könnte. Der erste Band muss das Erzähluniversum etablieren und der zweite Band muss es öffnen, nur so weit aber, dass der dritte Band alle Stränge wieder zusammenführen kann. Bei 450 Seiten und drei getrennten Erzählsträngen, dazu sechs (Haupt-)Perspektiven, fallen die Einzelteile dann eine Spur dünner bzw. kürzer aus, als man sich wünschen würde. Alles, was da ist, ist großartig, aber man hätte gern etwas mehr. Und es besteht die Sorge, dass der dritte Band für James S. A. Corey eine monumental schwere Aufgabe wird. Wenn das dann aber gelingt (was ich sehr hoffe), ist es eine literarische Meisterleistung.
Der Hauptstrang spielt sich, so wie schon in Buch eins, im Weltenpalast der Carryx ab. Er dreht sich um Dafyd, der mit den vielen Problemen der Gesellschaftsbildung kämpft und gleichzeitig seine Umsturzpläne verfolgt, ohne irgendjemandem wirklich davon erzählen zu können. Für seine Mitmenschen ist er ein Kollaborateur. Man fürchtet und verachtet ihn. Nur die wenigen verbliebenen Mitglieder seiner Forschungsgruppe wissen, dass er nur versucht die Menschheit lange genug am Leben zu halten, um eine Chance zu haben.
Gleichzeitig sind jene 4000 Menschen im Weltenpalast nicht wirklich geeignet, eine funktionierende und selbsterhaltende Gesellschaft zu bilden. Die Carryx haben ohne echtes Verständnis davon, was Menschen sind, die sogannte Elite von Anjiin entführt. Diese ist nur leider zu alt, um sich genügend fortzupflanzen, zu intellektuell um wirklich körperliche Arbeit zu leisten und zu verwöhnt, um ihre missliche Lage zur Gänze zu begreifen. Dafyd muss sie unter Kontrolle bringen, seine Pläne vorantreiben und nebenbei noch die von den Carryx verlangten Aufgaben erfüllen.
Ansonsten droht im das Schicksal, dass ihn die Carryx zusammen mit den restlichen vier Milliarden auf Anjiin zurückgelassenen Menschen auslöschen. Und dann ist da noch der Schwarm aus Nanorobotern, eine Waffe des unsterblichen und ewigen Feindes der Carryx, der sich in einem der Menschen verbirgt. Dieser hatte in Band eins ein Bewusstsein entwickelt und versucht zu lernen, was es heißt, ein Idividuum zu sein. Dieser Strang funktioniert großartig, ist spannend und man wünschte sich, er wäre 200 Seiten länger. Da steckt noch viel Potential drin.

Die anderen beiden Stränge folgen drei Mitgliedern von Dafyds alter Laborgruppe, die von den Carryx auf zwei unterschiedliche Expeditionen geschickt werden. Jessyn, die Biologin, die mit einer psychologischen Erkrankung kämpft und damit, dass ihre Medikamente nicht ganz leicht zu beschaffen sind. Sie soll gemeinsam mit einer Gruppe aus Menschen und unterschiedlichen anderen Spezies einen verlassenen aber gut erhalteten Planeten des großen Feindes der Carryx erforschen. Das ist ein Novum, da der Feind normalerweise seine Planeten lieber zerstört, als sie den Carryx anheim fallen zu lassen. Jessyn findet schnell sehr interessante Hinweise auf die Identität des Feindes der Carryx und verfolgt sie auf eigene Faust.
Und schließlich sind da Rickar und Campar, die aus ihnen unerfindlichen Gründen an Bord eines Kampfschiffes sind und als scheinbar nutzlose Zuschauer mit den Carryx in die Schlacht ziehen. Zumindest erschließt sich der Grund für ihre Anwesenheit nicht gleich. Das ändert sich jedoch als es Feindkontakt gibt.
Beide diese sekundären Handlungsstränge funktionieren als geschlossene Erzählungen gut. Sie sind spannend und man folgt den sympatischen Charakteren sehr gerne in ihre Abenteuer. Die Mysterien, denen sie auf den Grund zu gehen versuchen, sind ebenso spannend wie kompetent konstruiert, nur kommen leider beide schlussendlich zu ähnlichen Ergebnissen. Natürlich ist es notwendig unterschiedliche Aspekte der gleichen Sache zu betrachten. Damit lassen sich die Erkenntnisse, die uns das Buch über seine Welt mitteilen möchte, festigen. Aber vielleicht wäre es möglich gewesen, diese zwei Stränge auf einen zusammenzulegen. So fühlen sie sich etwas zu dünn an.
Sprachlich und erzählerisch is das Autorenduo unter dem Pseudonym James S. A. Corey im Sci-Fi-Bereich sowieso über alle Zweifel erhaben. Ihre Kreativität im Schaffen von Welten, von fremden Begriffen, die dennoch intuitiv verständlich sind, ist immer wieder erstauntlich. Selbst die Zusammenhänge vollkommen fremdartiger Verhaltensweisen und Bezeichnungen werden mit wenigen Sätzen klar. Das fängt schon damit an, dass ja die menschliche Kultur in diesem Buch nicht jene von der Erde ist. Aber es gelingt Corey mit großer Sprachkunst.
Der Glaube der Bestien ist der zweite Teil einer Trilogie und das merkt man an jeder Stelle. Man weiß, dass man sich noch nicht auf das große Finale hinbewegt, wenn das Ende des Buches naht. Aber man hat das Gefühl, viel neues und interessantes Erfahren zu haben und viele Aspekte der Welt besser zu verstehen, ohne dass einem das die Neugier auf weiteres nehmen würde. Jede Antwort wirft weitere Fragen auf und somit wird die Erzählwelt in der Vorstellung mit jeder Seite größer. Nur passiert in den einzelen Handlungsstängen nicht so viel, wie man sich wünschen würde.
Die Figuren werden auf dem Brett platziert, um in ein paar Jahren dann fürs große Finale bereit zu sein. Wer den ersten Band gelesen hat, sollte dringen zugreifen. Und alle, die gerade auf der Suche nach neuer Sci-Fi-Lektüre sind, könnten vielleicht noch auf den dritten Teil warten, um nicht mitten in der mitreißenden Geschichte ausgebremst zu werden.
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Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.
