16 Jahre nach The Social Network kehrt Aaron Sorkin zu Facebook zurück und nimmt diesmal auch selbst auf dem Regiestuhl Platz. Herausgekommen ist ein wütendes Whistleblower-Drama, das am Ende aber zu nett bleibt.
von Susanne Gottlieb, 9. 10. 2026
Facebook ist nicht totzukriegen. Auch wenn es immer wieder heißt, es ist inzwischen das Social Media Altersheim und und die Jungen treiben sich auf Instagram und TikTok herum, muss man sich eines vor Augen halten: Als The Social Network 2010 in die Kinos kam, zählte die Plattform rund 500 Millionen Nutzer. Heute sind es über drei Milliarden. Damals drehte David Fincher einen modernen Klassiker über die teils fiktiv angehauchte Gründung der Plattform im Harvard-Studentenheim. Der Film holte drei Oscars und brachte Jesse Eisenberg und Andrew Garfield den Durchbruch.
Seit 2010 hat sich aber viel getan, und das Beurteilen von Menschen wurde von sehr viel dramatischeren Problemen abgelost. Stichwort Hate Speech oder Fake News. Drehbuchautor Aaron Sorkin erzählt die Geschichte weiter, diesmal allerdings ohne Fincher und ohne Eisenberg. Auch die Elektromusik von Trent Reznor und Atticus Ross ist diesmal nicht dabei. Viel Neues also. Die Frage ist daher: Wie viel vom alten Zauber bleibt übrig?

Wir schreiben das Jahr 2021. Die Facebook-Ingenieurin Frances Haugen (Mikey Madison) hat lange an die Mission ihres Arbeitgebers geglaubt, die Welt zu verbinden. Doch was sie intern zu sehen bekommt, lässt sie ihren Glauben an die Mission verlieren. Als die Umsätze schwächeln, wird der Algorithmus so umgebaut, dass Wut, Neid und Hetze besonders gut funktionieren. Politische Werbung wird nicht mehr auf Fakten geprüft. Engagement also. Auch ein großes Problem: Instagram, mit seinen perfekt kuratierten Leben und Körpern schadet nachweislich der psychischen Gesundheit junger Mädchen.
Die Öffentlichkeit muss informiert werden. Dafür wendet sich Frances an den Wall-Street-Journal-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White). Gemeinsam beginnen sie, interne Dokumente auszuwerten. Parallel dazu probt Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) für eine Anhörung. Der Grund: Desinformation. Bei den Probedurchläufen sitzt auch Charlie (Bill Burr), ein früherer Investor, der inzwischen zum lautstarken Kritiker geworden ist. Er nimmt Zuckerbergs einstudierte Antworten gehörig auseinander. Fake News lassen sich halt nicht so einfach weg argumentieren

Eines muss man Sorkin lassen: Seine Handschrift ist wieder mal unverkennbar. Die flotten Dialoge, die gezielten Pointen, das Tempo, das in den knapp zwei Stunden Laufzeit nicht nachlässt. Es ist fast schon zu viel des Guten, denn egal ob Whistleblowerin, Reporter oder Konzernchef, alle feuern die selben geschliffenen Wortgefechte ab. Sorkin hat aber nicht die gleiche Gabe wie David Fincher, seinen Finger umsetzungstechnisch auf wunde Punkte zu drücken und dabei eine dichte, chaotische Atmosphäre aufkommen zu lassen. Vielmehr erinnert The Social Reckoning stellenweise an die etwas glattere, pathetische, aber gut recherchierte Sorkin-Serie The Newsroom. Wo Fincher jede Einstellung präzise durchkomponiert hat, wirkt hier vieles brav und flach.
Spannend ist dagegen Jeremy Strong in der Rolle des Facebook-Chefs. Sein Zuckerberg ist das komplette Gegenteil von Eisenbergs hektischem, narzisstischem Wunderkind. Er ist langsam, beherrscht und regungslos. Er hat die Arroganz eines Mannes, der weiß, dass ihm nach Jahrzehnten an der Spitze eines Milliarden-Dollar-Konzerns niemand mehr etwas anhaben kann. Besonders sticht da jene Szene hervor, in der man ihm beibringen muss, wie man lächelt. Aber man darf sich auch nicht zu früh freuen. Strong ist kaum zu sehen, sein Zuckerberg eher ein Gastauftritt. Ein echtes Gegenüber hat er nie, nur Angestellte und Charlie. Den hat Sorkin übrigens frei erfunden, ein historisches Vorbild gibt es nicht. Als Stimme des Gewissens, die im Leerlauf schimpft.

Im Zentrum stehen Haugen und Horwitz, White und Madison stellen sich auch gekonnt der Herausforderung. Madison gibt Frances als moralisch versierte Frau, die sich jedoch ihren naiven Glauben an die Firma zu lange bewahrt hat. White versteht es auch, das typische Klischee des unaufgeregten und zynischen Reporters gewissenhaft umzusetzen. Was die beiden aufdecken, soll uns in einer Tour nur empören. Trent Reznor und Atticus Ross-Ersatz Alexandre Desplat stachelt die Zuschauer mit seinem klassisch-schweren Tönen geradezu dazu an. Im ersten Moment funktioniert das auch, nutzt sich aber dann schnell ab. Die meisten Skandale sind längst bekannt.
Sorkin lässt es sich auch nicht nehmen, den Anfang 2021 erfolgten Sturm auf das Kapitol mit Archivaufnahmen mit in den Film zu nehmen. Das ist plakativ, aber trotzdem wirkungsvoll. Wer sich in weiterer Folge wundert. Nein, der Name Trump wird trotzdem nie genannt. Man sieht den Präsidenten nur, wie er seine Anhänger aufstachelt. Das mag feig sein, passt aber in das allgemeine Problem, das der Film hat. Sicher zelebriert er Haugens Mut und den heute oft kaputtgesparten Journalismus. Er stellt auch klar, dass Facebook politische Werbung bis heute nicht prüft. Aber inzwischen, fünf Jahre später, befinden wir uns im KI-Geschäft, Tech-Milliardäre stehen der Politik näher denn je. Gewissermaßen ist The Social Reckoning jetzt schon an Aktualität überholt. Und sowas ist dann kein guter Journalismus.
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Mehr InformationenThe Social Reckoning ist ein solides, bissig geschriebenes Journalismus-Drama mit starken Darstellern, das gegen den Schatten seines Vorgängers aber nicht ankommt. Es macht wütend. Aber nicht so sehr, wie es eigentlich sollte.
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Alle Fotos: (c) Sony Pictures
Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
