Christopher Nolans bisher aufwendigster Film schwingt sich zur vollgestopften Antikriegs-Fabel auf, die aber auf jeden Fall einige Schauwerte hat.
von Susanne Gottlieb, 16. 7. 2026
Nach Traumwelten, Comicwelten, Atombombe und Zweiter Weltkrieg verschlägt es Regisseur Christopher Nolan in die griechische Antike. Der Homersche Stoff des Odysseus wird in Die Odyssee zu einer Abhandlung über Krieg, politisches Kalkül, Werteverlust und Ausbeutung vor großer Kulisse. Aber wie immer bei Nolan, mit viel inhaltlicher Verwirrung und dünn geschriebenen Figuren. Stil schlägt hier gerne mal Substanz.

Wo ist Odysseus? Seit rund 20 Jahren ist der griechische König von Ithaka verschwunden. Einst zog er für Agamemnon in den Krieg um Troja, und ließ seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinen Sohn Telemachos (Tom Holland) in der Heimat zurück. Diese sehen sich zunehmend den aggressiven Umwerbern und Heiratsinteressierten ausgesetzt. Allen voran der schleimige, eiskalte Antinous (Robert Pattinson), der vor nichts zurückschreckt, Telemachos aus dem Weg zu räumen und Penelope unter Druck zu setzen.
Doch wo ist Odysseus? Angefangen hatte alles mit zu wenig Ausrüstung und Nahrung an Bord. Da Odysseus und seine Männer unvorbereitet in See stachen, mussten sie anfangen, bewohnte Inseln zu plündern. Dabei trafen sie auch auf einen Zyklopen, den sie attackierten. Der war aber ein Sohn Poseidons, und seither geht alles schief. Unter der Schutzherrschaft der Göttin Athene (Zendaya) irren die Männer nun jahrelang auf den Meeren herum, treffen auf andere göttliche Wesen wie Circe (Samantha Morton), Calypso (Charlize Theron) oder den Unterweltpropheten Tiresias (James Remar). Die Botschaft ist klar: Odysseus wird alleine heimkehren. Doch ein Mann, so traumatisiert von der Brutalität des Krieges, stellt sich gegen die Götter und dieses Schicksal. Auch wenn es bedeutet, dass er weiter verloren und in Ithaka weiter alles im Argen ist.

Die Homer’sche Erzählung zurück auf der Leinwand. Einen Sandalenfilm, der den Kitschfaktor der Kirk Douglas-Verfilmung von 1954 hat, oder auf großen Pathos wie ein Gladiator setzt, darf man sich natürlich nicht erwarten. Das hier ist immer noch Christopher Nolan, der Mann der nüchterne, oft schon mal sehr dünne Handlungsbögen mit Bildgewalt und optischem Geschick verquickt. Aber, das kann man dem Regisseur zugute halten, im Kern liegt immer eine Botschaft. Meistens keine sehr gute über den Zustand der Menschheit, aber in den emotionalsten Momenten blinzelt zumindest ein wenig Optimismus durch.
So wird seine Odyssee auch eine Parabel über die moderne Abwendung von Respekt und Miteinander. Krieg fordert konstante Opfer, die Reichen profitieren auf dem Rücken der Armen, Nachbarn respektieren sich nicht mehr und der Stärkste triumphiert einfach über den Schwächeren. Xenia heißt das heilige Gastfreundschaftsprinzip im antiken Griechenland, das die Figuren immer wieder erwähnen. Es verpflichtet den Gastgeber, Fremden und Reisenden Unterkunft, Nahrung und Schutz zu gewähren, dafür müssen die Gäste sich im Gegenzug respektvoll verhalten. Dieses Gesetz von Zeus liegt nun im Argen. Nicht erst seit das Trojanische Pferd damit brach. Die Bereicherung der Männer Odysseus auf der Reise, sowie die aggressiven Umwerber der Penelope zeigen, die Welt ist im Wandel. Am Rand eines Abgrunds.

Diese Dunkelheit, in die die Welt stürzt, bevor es wieder Hoffnung gibt, lässt nicht von ungefähr Parallelen zu der gegenwärtigen geopolitischen Situation erahnen. Ebenso lässt es sich Nolan nicht nehmen, die bei Homer nicht erwähnte, aber in späteren Schriften öfters angeführte Figur des Sinon (Elliot Page), der in einem besonderen Verhältnis zu Antinous steht, als Leitmotiv für ein Anprangern der systematischen Ausbeutung und Instrumentalisierung zu verwenden. So, ist Die Odyssee nun gut oder nicht? Nolan-Fans werden natürlich begeistert sein. Mehr Film geht nicht. Die Aufwendigkeit, der Dreh auf den Schiffen, die schönen Drehorte, das macht was her.
Aber wie schon bei Batman strauchelt der Regisseur mit den übernatürlichen Wesenszügen des Kanons. Lediglich Athene bekommt als intervenierende Göttin einen Auftritt. Die Zyklopen und Laistrygonen wirken etwas hingeklatscht, selbst Circe oder Callypso verlieren viel ihrer mystischen Aura. Sie dienen vor allem als Sprachrohr für die Kritik an einer konsumgetriebenen, von Kriegstraumata vergifteten Welt. Die Politikcharaden am Hof von Ithaka sind hingegen ungleich lang und ausführlich. Beizeiten wirkt die Odyssee ein bisschen in die Handlung reingequetscht. Als müsste Nolan das auch noch irgendwie abhandeln, obwohl er mehr Interesse am gesellschaftlichen Diskurs hat. Seine Liebe zu nonlinearen Erzählungen passt jedoch diesmal sehr gut in das Korsett. Wie einst die Legenden mittels mündlicher Erzählungen weitergegeben wurden, so fügt sich das Schicksal des Odysseus durch die Geschichten der verschiedenen Figuren in Rückblenden zusammen. Ein nettes Gimmick und eine Hommage an die antike Legendenbildung.
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Mehr InformationenDie Odyssee ist mit drei Stunden ein teils ermüdendes Unterfangen, das auch wieder viele Schwachpunkte des Regisseurs ausbaden muss. Dennoch: Epik und Optik stimmen auch hier wieder bis ins Detail. Ein paar kritische Anreize zum Nachdenken finden sich auch.
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Alle Fotos: (c) Universal Pictures
Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
