Steven Spielberg und die Aliens. In seinem jüngsten Werk träumt der Altmeister wieder vom Übernatürlichen, von friedlicher Völkerverständigung und dem Guten in uns. Doch manchmal blickt er dafür zu weit zurück.
von Susanne Gottlieb, 11. 6. 2026
Unheimliche Begegnung der dritten Art (1977), E.T. – Der Außerirdische (1982), War of the Worlds (2005), prinzipiell sogar Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (2008): Steven Spielberg ist ein Gigant, wenn es um die Begegnung mit Wesen von anderen Welten geht. Nun macht er sich 18 Jahre nach Indiana Jones wieder an eine Begegnung der dritten Art. In Disclosure Day spielt er das Szenario durch, wie Menschen darauf reagieren würden, wenn sie erfahren, dass Aliens unter uns sind. Warum es Spielbergs bester Film seit Jahren ist. Er aber gleichzeitig auch aus der Zeit gefallen wirkt, das lest ihr in unserer Filmkritik.

Irgendwas scheint im Busch. Der Cybersecurity-Experte Daniel Kellner (Josh O’Connor) hat sich mit geheimen Daten seines ehemaligen Auftraggebers Wardex aus dem Staub gemacht. Dafür wird er von dessen Chef Noah Scanlon (Colin Firth) und seinen Schergen gnadenlos gejagt. Seine Freundin Jane (Eve Hewson) wird in die ganze Verfolgungsjagd mit hineingezogen. Als sie fragt, was los ist, rückt Daniel mit einer durchaus komplexen Wahrheit heraus: Wardex verheimlicht seit Jahrzehnten, dass Aliens unter uns sind. Er selbst kann ihre Präsenz auf seltsame Art spüren, ihre komplexen Systeme entschlüsseln. Gemeinsam mit dem ehemalige Wardex-Angestellten Hugo Wakefield (Colman Domingo) bereitet er den Disclosure Day, also den Tag der Offenbarung, vor. Die Menschheit habe ein Recht auf die Wahrheit.
Andernorts in Kansas City erkennt die Wettermoderatorin Margaret Fairchild (Emily Blunt) plötzlich, dass sie multiple Sprachen versteht und das Seelenleben anderer lesen kann. Als sie live im Fernsehen in der Sprache der Aliens vor sich hindruckst, steht schon bald Wardex vor ihrer Tür. Sie kann aber mithilfe ihres Partners Jackson (Wyatt Russell) fliehen und fühlt alsbald, dass sie eine andere Person finden muss, um Licht in die Dunkelheit ihrer neuen Fähigkeiten zu bringen: Daniel. Neben einer wilden Verfolgungsjagd quer durch die USA entspinnt sich auch die Frage, was passieren würde, sollten Daniel und Hugo die Existenz der Aliens der nicht immer feinfühligen menschlichen Spezies offenbaren.

Menschliche Abgründe versus höhere Empathie bei außerirdischen Besuchern – Spielberg mag diese Interpretation des Genres nicht erfunden haben. Über die Jahre hat er sich aber zu einem der bekanntesten Vertreter entwickelt. Statt Popcornkino waren seine Alienfilme stets eine Reflexion der menschlichen Spezies in Angesicht einer höheren, fast spirituellen Macht. Der klerikale Aspekt rückte aber nie in den Vordergrund. Vielmehr ging es um Humanismus, Freundschaft, die eigenen Abgründe und die Vergebung, die man sich selbst erteilen musste.
Daher sind auch in Disclosure Day die genauen Details dessen, wie und warum die Aliens unter uns wandeln, und was es mit diesen mächtigen leuchtenden Stangen auf sich hat, die sowohl als Waffe als auch als Kommunikationsmittel verwendet werden können, irrelevant. Spielberg spielt mit der Idee, mit der Tatsache, dass eine Offenbarung auch nicht sofort alle Geheimnisse lüftet. Vielmehr untersucht er entlang der Fraktionen, Margaret und Daniel auf der einen Seite, Noah und Wardex auf der anderen, die Frage, wie wir Menschen mit so einer Wahrheit umgehen würden. Welche Weltbilder es auseinanderreißen und welche es vervollständigen würde.

Das mag eine noble Idee sein, aber Spielbergs Problem ist beizeiten, dass er auf der Suche nach Antworten etwas zu intensiv nach hinten statt nach vorwärts blickt. Disclosure Day mag einige Senibilitäten der Moderne haben. Etwa, dass dauernd irgendwer in ein Handy brüllt. Aber die Seele des Films bleibt irgendwo im Zeitgeist der 80er und 90er verhaftet. Die Tatsache, dass hier wieder ein altbekanntes Team zusammenarbeitet, Spielberg am Regiestuhl, Janusz Kamiński hinter der Kamera, John Williams bei der Musik und David Koepp am Skript, verwandelt das ganze Unterfangen in den bedeutsamsten Momenten in ein fahles Déja-vu. Sicher, die Herren sind alle Legenden. Trotzdem scheint die Kreativität in dieser Runde schon zu lange im eigenen Saft zu schmoren.
Habe keine Angst vor dem, was du nicht kennst. Das ist die Botschaft, die auf multiplen Ebenen und Monologen dem Zuschauer immer wieder zugeschmissen wird. Ein hoffnungsvoller Silberstreifen am Horizont, dessen Verwurzelung in unserer Gegenwart großzügig über so ziemlich jede Krise gestülpt werden kann, und doch keine direkt anspricht. Dass Autor Koepp sich zudem gewissen Genderklischees ergibt, wie etwa, dass Daniel das Universum und Margaret die Menschen versteht, tut sein Übriges, den Film wie eine Zeitkapsel wirken zu lassen. Vielleicht sind Spielberg und Co. bereits solche Giganten, dass sie sich in ihrer eigenen Sphäre bewegen und gar nicht mehr an die Befindlichkeiten unserer Welt andocken können.
Fakt ist aber, wer ein wenig Spielberg-Nostalgie besitzt, der ist hier gut bedient. Immerhin sind alle seine Klassiker wieder dabei: die erstaunten Gesichter mit weit aufgerissenen Mündern und Augen, die doppeldeutige Reflexion von Figuren durch Fenster oder Glas, und natürlich die gleißenden Lichtstrahlen, die durch Fenster, Hintergründe oder sonstige Lichtquellen auf die Protagonisten strahlen. Ein Fest für Fans.
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Mehr InformationenDisclosure Day ist kein neuer Spielberg-Klassiker, vereint aber die besten Qualitäten seines Filmemachens in einem durchaus akzeptablem Alien-Abenteuer.
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Alle Fotos: (c) Universal Pictures
Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
