In seinem vierten Solo-Abenteuer Spider-Man: Brand New Day durchwandert Tom Holland eine Veränderung. Derweil verändert sich auch wieder einiges im MCU – und das nicht zum Schlechten.
von Susanne Gottlieb, 30. 7. 2026
Zehn Jahre ist es her, seit Tom Holland das erste Mal als Spider-Man einen Auftritt in Captain America: Civil War hatte. Nun bekommt sein Spinnenmann sein viertes Solo-Abenteuer. Da im letzten Teil No Way Home (hier unsere damalige Kritik) nach einem Zauber alle vergessen hatten, dass Peter Parker existiert, muss er sich nun einsam als Held durch New York schlagen. Die Sorge, dass dies, mit dem klassischen Spidey-Set-up, wieder ein klassischer Sony-Overload wie bei den späteren Tobey Maguire und Andrew Garfield-Filmen wird, war groß. Doch die Partnerschaft von Produzentin Amy Pascal und MCU-Boss Kevin Feige trägt auch diesmal Früchte.
Warum ihr den Film also nicht verpassen solltet (er findet sich auch in unserer Bestenliste der MCU-Filme), trotz vielleicht einsetzender MCU-Müdigkeit, das lest ihr hier.

Um die Welt vor Rissen des Multiversums, sowie seine Freunde zu schützen, hatte Peter Parker (Tom Holland) im letzten Film Doctor Strange gebeten, dass alle vergessen, dass er existiert. Seither lebt er ein etwas einsames Leben, in dem er die Bürger von New York beschützt, und sein einziger sozialer Kontakt die wechselseitige Beziehung zu Frank Castle (Jon Bernthal) ist – auch bekannt als Punisher, den er einst auf einem Einsatz retten konnte. Ned (Jacob Batalon) und MJ (Zendaya) sind inzwischen zusammengezogen, und als Peter sich auf eine Hausparty der beiden schleicht, muss er auch enttäuscht feststellen, dass MJ inzwischen einen Freund hat.
Doch nicht nur die Einsamkeit macht Peter zu schaffen. Sein Körper und seine Spinnen-DNA scheinen sich weiter zu entwickeln, plötzlich kann er organische Spinnenweben schießen und sein Temperament nicht kontrollieren. In all dieses Chaos stolpert auch ein neuer unbekannter Gegner, der sich der Psyche anderer Menschen bemächtigt. Wiederholt bricht diese Person auf der Suche nach etwas in das Department of Damage Control ein, eine Organisation, die Menschen mit Superkräften überwacht. Allein Peter scheint dank seiner Kräfte immun zu sein. Denkbar blöder Zeitpunkt also, mit diesen zu hadern. Ein Besuch beim brillanten Wissenschaftler Bruce Banner (Mark Ruffalo), auch bekannt als der Hulk, soll helfen. Nun muss Spider-Man also nicht nur mit Isolation und körperlichen Veränderungen kämpfen, sondern auch mit einem Feind, der diese Unsicherheiten in ihm ganz bewusst hervorkitzelt.

Körperliche Veränderungen? Niemand versteht einen? Das klingt doch irgendwie nach Teenager-Problemen! Nur, dass wir die High School schon lange hinter uns gelassen haben. In den Comics sogar schon seit den 80ern. Peter Parker durchläuft aber hier auch keine Pubertät, sondern die Selbstfindung als Erwachsener. Wenn man glaubt, das Patentrezept für die eigene Existenz gefunden zu haben, nur um dann nochmal ordentlich mit neuen Herausforderungen konfrontiert zu werden. Wie schreiten wir durch dieses Leben, möchte der Film fragen. Peter glaubt, Einsamkeit schützt ihn und andere. Doch wie sich immer mehr herausstellt, belastet sie natürlich viel mehr, als sie hilft. Die Erkenntnis, dass man mit Freunden viel mehr erreichen kann, ist nicht neu. Auch andere Spideys mussten diese Lektion schon lernen. Es spricht für das Drehbuch, dass dieser Handlungsstrang einigermaßen frisch daher kommt.
Ebenso bedeutsam (und daher gerade in Verbindung mit dem Hulk und dem mysteriösen Gegner, den Spider-Man bekämpft, umso pointierter) ist die Botschaft über Selbstliebe. Für viele Figuren in Marvel, von Ben Grimm/The Thing über Hulk bis hin zu den X-Men, ist dieses Selbsthadern, diese Ablehnung anderer und von sich selbst, tief in die DNA eingegraben. Nun muss sich auch Spider-Man mit der Frage herumschlagen, ist diese weiter mutierende Spinnen-DNA ein Teil von ihm selbst? Kann und soll er sich dagegen wehren? Was ist, in den Worten von Bruce Banner, “gut oder schlecht”?

Jon Watts, der Regisseur der ersten drei Teile, ist diesmal nicht mit an Bord. Man merkt es auch an der Bildsprache. Destin Daniel Cretton, der schon Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings inszenierte, übernimmt das Zepter, und sofort fühlt man sich wie auf einer Achterbahn. Die Kamera wird subjektiv, man schwingt durch Peters Augen durch New York, ist mehr in seinem Kopf als in den vorherigen Filmen. Generell scheint die Stadt mehr ein eigener Charakter in diesem Film zu werden. Es fühlt sicht nicht so an, als wäre alles an fünf Ecken gedreht worden. Ein gewisser Lokalkolorit bahnt sich auf die Leinwand. Auch im Abspann sind Stillleben der Stadt zu sehen. New York liebt seinen Spider-Man, rufen die Leute an einem Punkt dem Ikognito-Helden zu.
Was der Film neben all der Gewissenserforschung schafft, ist das inzwischen etwas überladene und chaotische MCU sinnvoll weiterzuentwickeln. Neue, wichtige Figuren des Kanons werden eingeführt. Dabei lässt sich ihnen der Film Zeit, ihre Wirkung zu entfalten. Ein Stein wird zum Anstoß gebracht. Nun liegt es an dem Franchise, hier nicht wieder alles zu schnell oder zu unbeständig auf die Leinwand zu schmeißen. Man wünscht sich, dass Feige und Co. in Hinblick auf Avengers: Doomsday vielleicht wieder etwas Struktur in das Universum bringen. Wenn Spider-Man: Brand New Day eine neue Blaupause dafür sein könnte, wäre da schon viel geschafft.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Youtube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSpider-Man: Brand New Day ist ein gelungener vierter Spider-Man-Film, der sich inhaltlich nicht wiederholt und einige spannende Newcomer parat hält.
Noch mehr Reviews zu Filmen und Serien
Toy Story 5: Spaßig-routinierte Ergänzung zur Reihe
Die aktuellen Kinostarts
Spannende Streaming-Neuheiten
Alle Fotos: (c) Sony Pictures
Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
