
Etwa 85 km südöstlich von Wien liegt das eindrucksvolle ungarische Esterházy-Schloss Fertőd, kurz Esterháza oder Ezsterháza genannt. Die zu den schönsten Rokoko-Schlössern Europas zählende Anlage ist Teil des UNESCO-Welterbes und binationalen Nationalparks Fertő/Neusiedler See. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten erstrahlt sie wieder in altem Glanz. Das Schloss wurde gezielt als Konkurrenz zu kaiserlichen und königlichen Residenzen errichtet und übertrifft diese in Größe und Pracht teilweise sogar. Joseph Haydn verbrachte bei den Esterházy in Eisenstadt und Esterháza die Hälfte seiner Schaffensjahre und machte die Orte zu einem Zentrum der Wiener Klassik. Heute ist Schloss Esterháza in Fertőd, als eines der bedeutendsten Schlösser Europas, eine jener hochrangigen Sehenswürdigkeiten im Umkreis Wiens, die das ganze Jahr über besucht werden können.
In Teil 21 unserer Serie Grenzgänger (hier geht’s zu allen Teilen) führe ich dich durch die Highlights von Schloss und Park des Ungarischen Versailles, wie Esterháza oft bezeichnet wird. Und erzähle dir, welche Sehenswürdigkeiten du nahe Fertőd noch besuchen könntest. Wieder haben wir für dich Insider-Tipps, viele Infos und Links, kulinarische Empfehlungen sowie eine praktische Karte zur Orientierung vorbereitet. Und wie immer ein Kurzvideo hier auf Instagram, hier auf YouTube und hier auf TikTok, das dir einen ersten Eindruck vermittelt.
von Martin Kienzl

Palais in Wien & Schloss um Wien: so kurz und bündig lassen sich die meist beachteten Kriterien bei der Wohnsitzwahl Adeliger, die dem Haus Habsburg nahe standen, zusammenfassen. Deshalb ist die Innere Stadt Wien bis heute reich an Stadtpalais. Und im Umland – bzw. dem, was damals Umland war – findest du neben Habsburg-Residenzen wie Schönbrunn, Laxenburg und Holitsch viele phantastische Landsitze, von denen du heute viele besichtigen kannst: Prinz Eugens Schloss Hof, die Liechtenstein-Zwillingsschlösser Eisgrub und Feldsberg, das Pálffy-Schloss Marchegg, das Renaissanceschloss Rosenburg und viele andere.
Bei der Schlossparade rund um Wien ganz vorne dabei: die Esterházys. Mit Landsitzen in Eisenstadt, Forchtenstein und vor allem in Esterháza bzw. Esterház, 1950 in Fertőd umbenannt, dessen Schloss größer und prunkvoller als das in Eisenstadt ist.

20 Jahre, von 2001-2021, dauerte die Restaurierung von Esterháza, wie das Schloss auch zur besseren Unterscheidung von Schloss Esterházy in Eisenstadt genannt wird. Das daneben liegende Marionettentheater, der neobarocke Rosengarten, der Wasserturm und die Orangerie wurden ebenfalls revitalisiert. Sogar originale Möbelstücke haben dank Rückkauf oder Rückgabe wieder ihren angestammten Platz in Esterháza gefunden. Davor wurde die Anlage von sowjetischen Soldaten verwüstet, von den Kommunisten als Landwirtschaftliches Institut genützt, dem Verfall preisgegeben und 1958/59 spärlich restauriert. So kommt die Auferstehung von Esterháza einem Wunder gleich.

Die Erbauung des Rokoko-Schlosses begann 1762 unter Fürst Nikolaus I. Esterházy, dem Prachtliebenden, 1714 in Wien geboren. Architekt des Schlosses, wie du es heute siehst, war im Wesentlichen der Tiroler Architekt Melchior Hefele, Schüler von Erlachs. Davor stand hier das Jagdhaus Süttör, das ab 1720 unter dem Wiener Architekten Anton Erhard Martinelli zu einem Schloss erweitert wurde.
Bis zu Nikolaus’ Tod 1790 enstand eine Residenz von europäischem Format, die bewusst gleichrangig neben königlichen und kaiserlichen Bauten stehen wollte und konnte. Eine eindrucksvolle Selbstdarstellung. “Was der Kaiser kann, kann ich auch” lautete das Motto des Fürsten. Mit 126 Zimmern und einem Park von 200 Hektar leistete er sich als steinreicher Großunternehmer mit Esterháza eines der größten Rokoko-Schlösser Europas. Nikolaus war hoch gebildet, verfolgte die damals führende Mode- und Designszene Frankreichs, war ausübender Musiker und in jeder Hinsicht ein Schöngeist. Er war aber auch Soldat mit einer eindrucksvollen Karriere als Offizier und einem eigenen Esterházy Infanterieregiment. Höchste Ehre: Kaiserin Maria-Theresia, mit der er eng verbunden war, ernannte ihn zum Kommandanten der neu gegründeten Ungarischen Garde.

Nikolaus’ Absicht war nicht, den Kaiserlichen Hof in Wien zu übertrumpfen. Er wollte den Glanz der Habsburger mehren, indem er zeigte, wie eindrucksvoll ein Fürst ihrer Gefolgschaft repräsentieren konnte. In ausdrücklich europäischer Verankerung und als Förderer europäischer Kunst. Kaiserin Maria Theresia war in Esterháza ebenso zu Gast wie der russische Kaiser Pawel Petrowitsch I. und Prinz Albert von Sachsen-Teschen, Gründer und Namensgeber der Wiener Albertina, der größten Grafiksammlung der Welt. Er und seine Frau Maria Christina von Österreich, fünfte Tochter Maria Theresias, hatten, neben anderen Adeligen, das Privileg, in Esterháza ein eigenes Appartement zur Verfügung zu haben.

Man kam hierher um Konzerte und Opernaufführungen unter Joseph Haydn zu hören, Marionettentheater zu sehen, sich auf Bällen und Festbanketten zu amüsieren, Lichtkunst und Feuerwerke im Barockgarten zu erleben, Spaziergänge und Kutschenfahrten im riesigen Park zu unternehmen, zu Angel- und Fischpartien zum nahen Neusiedler See zu fahren und Wild zu jagen. Und vor allem konnte man bei alldem perfekt Networking betreiben. Denn wo ginge das besser als am Anwesen eines international bestens vernetzten Tycoons mit direktem Draht zum Kaiserhaus? Noch dazu im dafür geschaffenen Ambiente eines Baus, der zum Flanieren und Kommunizieren einlädt. Mit einer zweiläufigen Freitreppe, die zum Balkon des Festsaals führt. Mit Vasen und herzigen Putten verziert, wie sie für das verspielte, heitere Rokoko (etwa 1730-1770) typisch sind. Schau dir die Fassade im Detail an, und du wirst Freude daran haben, zu sehen wie sympathisch leicht, alles andere als monumental, das Schloss gestaltet ist.

Betrittst du den Ehrenhof durch das romantische Rokoko-Schmiedeeisentor, fühlst du dich von der anmutigen Architektur des 18. Jahrhunderts umfangen. Beindruckend schön und einladend – nicht einschüchternd. Der dreigeschossige schlanke Baukörper im Stil des Rokoko (= Spätbarock) ist in elf Achsen unterteilt. Die drei mittleren Teile ragen etwas hervor, der ganz in der Mitte ist um ein Stockwerk, das sogenannte Belvedere, erhöht. Militärische Trophäen, Büsten und Wappen der Esterházy zieren die feingliedrige Fassade. Vom Ehrenhof aus hast du direkten Zugang zum Porzellankabinett, zur Kapelle und zum Kassenbereich, wo die Führungen in die Schlossräume beginnen.

Das Porzellankabinett ist 2016-17 zum Teil wiedererstanden. An der Stelle der barocken Porzellankammer, die Ende des 19. Jahrhunderts abgebaut wurde. Hier findest du heute alle jene Stücke, die nach 1945 wieder zurückgekauft wurden. Figuren, Vasen, Teller, Büsten, Schüsseln, Kannen … Nachdem China das Porzellan-Know-how bereits in der Tang-Zeit entwickelte, konnte es dieses fast ein Jahrtausend lang geheimhalten. Die Japaner entschlüsselten das Geheimnis um 1616; die Europäer ab etwa 1700. Im Porzellankabinett siehst du ostasiatisches, Wiener und Meissner Porzellan. Eng mit Esterházy verbunden war die berühmte Porzellanmanufaktur Herend, die bis heute in Herend, nördlich des Plattensees, ungarisch Balaton (die Balaton-Westspitze haben wir dir hier vorgestellt), arbeitet.

Der Eingang zur süßen spätbarocken Schlosskapelle befindet sich rechts der Freitreppe. Auch sie wurde unter Nikolaus I. – von manchen als der Glänzende (Fényes) bezeichnet- errichtet. Das Deckenfresko malte der Österreicher Joseph Ignatz Mildorfer. Es zeigt den Nationalheiligen Ungarns Stephan I. (Szent István), der Ungarn der Jungfrau Maria weiht. Apropos: Dass in Passau, Wien und Budapest Stephansdome stehen, scheint kein Zufall. Stephanus ist Passaus Bistumspatron. Im Rahmen des Bistums Passau enstand in Wien die erste Stephanskirche, Vorgängerbau des Doms. Die Passauer missionierten auch in Ungarn. Laut neuerer Forschung wurde wohl deshalb Stephan I., der ursprünglich Vajk hieß, auf den Namen Stephan getauft.

Erster Raum der Führung durch Schloss Esterháza ist die Sala Terrena, der Gartensaal im Erdgeschoss. Die Fresken schuf ebenfalls Mildorfer. Tanzende Engel tragen Blumengirlanden, Darstellungen von Fischen verweisen auf den nahen Neusiedler See. Der Sommerspeisesaal, auch Haydnsaal genannt, schließt direkt an die Sala Terrena an. Seine gute Akustik und leichte Zugänglichkeit vom Park machten ihn zu dem Raum, der von Joseph Haydn für Kammermusik und Proben bevorzugt wurde. Die Räume des Erdgeschosses sind mit Möbeln aus der Zeit von Nikolaus I. und von Anfang des 20. Jahrhunderts eingerichtet.

Eine Besonderheit Esterházas sind die blau-weißen Chinoiserie-Wandmalereien, die du in Räumen des Erdgeschosses bewundern kannst. In idealisierten Szenen ist China so dargestellt, wie man es sich als Europäer damals vorgestellt hat: Chinesen trinken Shisha und sitzen in einem Barockgarten. Die Malereien stammen aus der Frühzeit des Schlosses, den 1750/60er Jahren, und wurden ab 2016 wieder freigelegt. Nikolaus I. ließ sie durch goldlackierte Wandvertäfelungen verdecken. Rückblickend ein Glück, da die Malereien dadurch nicht abgenützt wurden. Chinoiserie-Tapeten, -Fliesen oder Paneele findet man häufig. Die gut erhaltenen Rokoko-Chinoiserie-Wandmalereien in Esterháza sind eine Rarität.

Einige der 126 Zimmer des Schlosses konnten weitgehend wiederhergestellt werden. Die zurückgegebenen bzw. – gekauften Einrichtungsgegenstände wurden um Leihgaben aus der Esterházy-Schatzkammer ergänzt. Die Rückgabe der Gegenstände, die derzeit von Budapest verwaltet werden, ist nach wie vor Gegenstand eines Restitutionsstreits. Eine vergoldetete Silberschale der Schatzkammer stammt aus einer Augsburger Juwelierwerkstatt. Sie zeigt die Schlacht von Vezekény 1652 in der heutigen Westslowakei. Eines von vielen Scharmützeln an der Grenze zum Osmanischen Reich. Vier Mitglieder der Familie Esterházy verloren dabei ihr Leben. Nach dem knapp errungenen Habsburgischen Sieg fiel dem einzig verbliebenen Esterházy, Paul I., fast alles Vermögen zu. Eine Ressourcen-Bündelung, die den Aufstieg der Esterházy und letztlich den Bau von Esterháza ermöglichte.

Heute hat das Schloss einiges von seiner einst berühmten Ausstattung zurückgewonnen. Kronleuchter, Gemälde, Keramik und prunkvolle Wandpaneele schaffen eine luxuriöse Atmosphäre. So ist wieder das Fürstliche Schlafzimmer mit seinem blauen Bett zu bewundern. Es ist nur 160 cm kurz, da man im Barock, unterstützt durch Polster, bevorzugt stark erhöht lag. Das erleichterte die Atmung bei Husten, Asthma oder wenn man zu viel gegessen und getrunken hatte. Sogar ein blauer Porzellankrug für die Katzenwäsche aus dem Nachlass der legendären Madame de Pompadour, Maîtresse Ludwig des XV., fand seinen Weg zurück nach Esterháza. Ebenso verhielt es sich mit dem dreizehnten Fürsten der Familie, Antal II. Esterházy von Galántha, der im Jahr 2004 nach Esterháza zurückkehrte und bis zu seinem Tod im Jahr 2025 im linken Flügel des Gebäudes residierte.

Mittelpunkt von Esterháza ist der Apollo-Saal, der Festsaal im ersten Stock. Das Deckenfresko Triumph des Apollo Mildorfers soll dir barocktypisch illusionistisch das Gefühl geben, in den Himmel zu sehen. Es verherrlicht sinnbildlich den Bauherrn Fürst Nikolaus I. Esterházy und dessen Tugend, Ruhm und Reichtum. Die schlanken Stuckgirlanden, die crèmeweiße Wandfarbe und Spiegel verleihen dem Saal eine luftige, zarte Rokoko-Atmosphäre. In den Ecken stehen mythologische Figuren des Wiener Bildhauers Johann Joseph Resler, die die Jahreszeiten symbolisieren.

1772 fand hier die legendäre Uraufführung einer der populärsten Symphonien, der Abschiedssymphonie von Joseph Haydn (Symphonie Nr. 45 fis-Moll, Hob. I:45), statt. Bis heute ein Spaß und Publikumsrenner. Ob sich alles tatsächlich so zugetragen hat, wie es bis heute erzählt wird, wird wohl nie geklärt werden. Nach der Legende wollten die Hofmusiker nach einem langen Sommeraufenthalt auf Esterháza, wo sie ohne ihre Familien wohnten, zurück nach Eisenstadt (Kismarton). Am Ende des letzten Satzes steht ein Adagio, für das laut Überlieferung ein Musiker nach dem anderen zu spielen aufhören und das Podium verlassen muss. Die Musik wird immer dünner, letztlich sitzen nur mehr zwei Geiger:innen da. Angeblich verstand Fürst Esterházy die Geste. Die Musiker durften ihren Sommeraufenthalt auf Esterháza beenden.

Die Abgeschiedenheit ermöglichte es, dass Esterháza zu einem Ort musikalischer Experimente und Kreativtität wurde – zu einem Versuchslabor für Klassische Musik. Joseph Haydn diente von 1761-1803 als Hofmusiker, Dirigent und Komponist der Esterházys in deren Residenzen in Eisenstadt und Esterháza. In Esterháza stellte man ihm eine Dreizimmerwohnung im sogenannten Musikhaus, in dem auch die anderen Musiker untergebracht waren, zur Verfügung. Du siehst es noch heute direkt gegenüber dem Schloss. In Esterházy’scher Obhut hat der – neben Mozart und Beethoven – Hauptvertreter der Wiener Klassik die Hälfte seiner aktiven Zeit verbracht und unzählige Werke komponiert. Danach ging es nach London und Wien. Haydns Musik transportiert, anders als Mozart und Beethoven, keine Weltanschauungen. Wohl deshalb weil er vom Esterházy’schen Hof geprägt wurde. Und dort war Musik pur gefragt.

Für das teilrekonstruierte Marionettentheater komponierte Haydn anlässlich des Besuchs Maria Theresias die Marionettenoper Philemon und Baucis. Die Kaiserin meinte entzückt: Wenn ich eine gute Oper hören will, gehe ich nach Esterház.
Für das Opernhaus, 1758 errichtet, 1779 niedergebrannt, 1781 wiedereröffnet, komponierte Haydn zehn Opern. Um 1865 verfiel das Haus. Haydns Opern sind heute weitgehend vergessen. Im Gegensatz zum Oratorium Die Schöpfung, den Symphonien und den Streichquartetten, wie dem Kaiserquartett mit Variationen über die Österreichische Kaiserhymne. 1797 hatte sie Haydn, in Diensten der dem Kaiserhaus nahe stehenden Esterházy, für Franz II. als letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches komponiert. Mit Auflösung desselben 1804 entkoppelten sich Deutschland und Österreich. 1922 kaperten sich die Deutschen die Kaiserhymne und machte sie zu der ihren.

Auf keinen Fall solltest du auf den Aufstieg zum obersten Geschoss des Mittelteils des Schlosses verzichten. Auf dem Weg hinauf erhältst du durch Kurzfilme interessante Einblicke in die Geschichte der Familie Esterházy sowie von Schloss Esterháza. Oben angekommen erwartet dich mit dem sogenannten Belvedere ein riesiger Raum von geringer Höhe, mit barocken Wandmalereien im Stil eines Gartenpavillons. Von hier hast du eine perfekte Aussicht auf den barocken französichen Park, die Alleen und den Wald des einstigen Tiergartens. Bei genauerem Hinsehen wirst du Kritzeleien in kyrillischer Schrift entdecken. Sie haben die russischen Besatzungssoldaten nach 1945 hinterlassen. Man hat sie bewusst nicht beseitigt, um die Erinnerung an diese Zeit aufrecht zu erhalten.

Der Park von Esterháza besticht durch seine Harmonie von Schloss und Garten. Wie ein aufgeschlagener Fächer laufen schier endlose Alleen strahlenförmig vom Schloss weg. Gesäumt von hohen Bäumen. Der mit geschnittenen Hecken gestaltete französische Barockgarten geht in einen Bereich über, der der Natur mehr Freiraum schafft. Dort, im sogenannten Tiergarten, dem Lés-erdő (lés=auflauern), wurde, wie im Lainzer Tiergarten, innerhalb von Begrenzungsmauern Wild gehalten. Die mittlere Allee der Parkanlage ist nahezu zwei Kilometer lang. Zum Vergleich: die größte Distanz des Schönbrunner Parks, vom Meidlinger zum Hietzinger Tor, misst eineinhalb Kilometer.

Da in den 1760er Jahren das Sumpfland des Neusiedler Sees bis zum Ehrenhof von Esterháza reichte, mussten die Gäste, die vor allem aus Wien kamen, lange Zeit vom Süden her durch den Park anreisen. Was dem Fürsten – schmückender Beiname Nr. 3 “der Strahlende” – nur recht war. Nach der Fahrt durch die gewaltigen Alleen kamen sie entsprechend beeindruckt beim Schloss an.
Apropos Sumpf: Der ungarische Name Fertő tó für den Neusiedler See, den Lacus Peiso der Römer, bedeutet wörtlich übersetzt Sumpf See. Was den Charakter des östlichsten Steppensees der Eurasischen Steppe, die sich von hier bis nach China erstreckt, teilweise beschreibt.

Um den Park zu Fuß zu besichtigen, brauchst du Zeit und eine gewisse Kondition. Alternativ gibt es die kleinen Touristenzüge des Esterházi Express, die dich durch die die radialen Alleen bis zum neuen Chinesischen Pavillon und zurück führen. Der Service, den Nikolaus im Sommer 1773 seinem Gast Kaiserin Maria Theresia anbieten konnte, wird dir aus wirtschaftlichen wie ökologischen Gründen freilich nicht geboten: Maria Theresia machte damals laut Überlieferung eine „Schlittenfahrt auf mit Salz bestreuten Wegen“. Die einst hier vorhandenen Springbrunnen, künstlichen Wasserfälle, Gartenhäuschen und Tempel musst du dir heute dazudenken. Doch wer weiß, vielleicht wird auch hier, nach dem Vorbild von Schloss Hof, in Zukunft einiges wiederhergestellt.

Der Bau, der heute als Chinesischer Pavillon im Park präsentiert wird, hat mit dem ursprünglichen Bau wenig gemeinsam. Einen authentischen Eindruck von seiner Erscheinung gibt dir der phantasievoll gestaltete, original erhaltene Sessel aus dem Pavillon, der heute im Vorraum des Apollo-Saals steht. Nikolaus ließ dieses oktogonale Gartenhaus im sogenannten Lustwald 1773 für Maria Theresia errichten. Als sich diese bei Nikolaus nach den Kosten für den Bau erkundigte, antwortete dieser mit den legendär gewordenen Worten “ach, eine Bagatelle“. So kam der Chinesische Pavillon zu seinem Zweitnamen Bagatelle.

Der Rosengarten, südwestlich des Schlosses gelegen, wurde 1908 von Anton Umlauft, damals Gartendirektor von Schönbrunn, angelegt. Anfang des 20. Jahrhunderts zogen Fürst Nikolaus IV. und seine Frau Gräfin Margit Cziráky in Esterháza ein. Sie gestalteten die Möblierung des Schlosses im Stil des Neo-Rokoko und den Park neu. Der von Margit (die ungarische Form von Margarethe) Cziráky in Auftrag gegebene neobarocke Rosengarten wurde 2015 liebevoll nach alten Fotografien rekonstruiert. Um einen zentralen Pavillon wurden 8.000 Rosenstöcke hundert verschiedener Sorten neu gesetzt. Der dekorative, mit vielen Rosenbögen ausgestaltete Garten ist vor allem zur Hauptblüte im Juni eine Pracht. Der Margarethe Cziráky Rosengarten ist zu den Öffnungszeiten des Schlosses gegen eine Eintrittsgebühr zugänglich.

Übrigens war Margarethes und Nikolaus’ Sohn Paul V. der letzte Esterházy’sche Besitzer des Schlosses. Im selben Jahr 1946, da Paul seine ungarischen Besitzungen verlor, heiratete er Melinda, damals die Primaballerina der Budapester Oper. Die Ehe blieb kinderlos. 2001 gelangten die nicht-ungarischen Besitzungen, und damit ein Zehntel des Burgenlandes, unter die Verwaltung von Melindas Neffen Stefan Ottrubay. Zum Ärger der gebürtigen Esterházys, die sich hinausgedrängt fühlen. Was Ungarn betrifft, hat die Familie den Kampf um Land praktisch aufgegeben, nicht aber den um kulturelle Güter. So gesehen ist es nicht ausgeschlossen, dass Exponate in Esterháza wieder in Esterházy’schen Besitz zurückkehren. Das herrliche Schloss und sein enormer Park bleiben gewiss in ungarischem Staatsbesitz und weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich.
Wenn du deinen Ausflug nach Fertőd noch um Sehenswürdigkeiten in der Nähe des Schlosses ergänzen möchtest, so bieten sich das Landhaus im Ortsteil Sarród (Sarródi tájház) und die Landhäuser von Schlippach (Fertőszéplaki Tájházak) an.
Seit 2023 ist Schloss Széchenyi in Nagycenk (Großzinkendorf) nach vierjähriger Restaurierung wieder geöffnet. Im Inneren widmet sich eine Ausstellung dem berühmtesten Besitzer des Schlosses: István Széchenyi, in Wien geboren und gestorben, gilt als Mitbegründer des modernen ungarischen Staates. Der größte Ungar (a legnagyobb magyar), wie er bis heute gerne bezeichnet wird, betrieb die Transformation Ungarns vom Agrar- zum Gewerbe- und Handelsland, erweckte das ungarische Nationalbewusstsein, strebte aber keine Unabhängigkeit von Wien an. Das Schloss, das seit dem 17. Jahrhundert seiner Familie gehörte, präsentiert sich heute im Wesentlichen so, wie er es 1834-40 klassizistisch umbauen ließ. Bei der Pfarrkirche von Nagycenk befindet sich das Mausoleum Széchenyis (Széchenyi-mauzóleum).

Ein Besuch von Esterháza lässt sich mit einem Besuch der nahegelegenen Komitatsstadt Sopron (Ödenburg) verbinden. Die überwiegend barocke Altstadt zählt zu den schönsten ihrer Art im Bernsteinstraßen-Donauraum.
Suchst du das Klischee-Bild von Ungarn, wie es in Sissi, Ich denke oft an Piroschka oder Gräfin Mariza bedient wird? Dann schaue an der Straße zwischen Nagycenk und Hidégseg beim Bahnhof der beiden Orte vorbei. Schon dessen Name Nagycenk-Hidegség Vasúti Megálló erinnert an Film-Piroschkas Heimatort Hódmezővásárhelykutasipuszta. Wie Schloss Esterháza wäre der putzige Bahnhof eine ideale Filmkulisse für Sissi. Wenn du deinen romantischen Sehnsüchten nachgeben möchtest, dann fahre nach Esterháza. Manchmal tut es gut, Ausflüge an Plätze zu unternehmen, die zum Träumen und Schwelgen anregen.

Seit 2021, nach zwanzigjähriger Restaurierung, erstrahlt das ungarische Schloss Esterháza, eines der schönsten Rokoko-Schlösser, innen und außen wieder in alter Pracht. Von den Habsburgern abgesehen, waren die Esterházy Ungarns reichstes und einflussreichstes Adelsgeschlecht. Hier und in Eisenstadt wirkte mit Joseph Haydn jahrzehntelang ein Komponist von Weltgeltung. Der weitläufige Park des Schlosses zählt zu den ausgedehntesten seiner Art. Esterháza, eines der bedeutendsten europäischen Schlösser, ist ganzjährig geöffnet und von Wien aus bequem in einem Tagesausflug zu besichtigen.
Hier findest du Martins weitere Grenzgänger-Ausflugstipps
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen





Weiterführende Literatur:
Vadászi: Das Versailles Ungarns (Magyar Versália), EOS Könyvek, Budapest, 2007; Mőcsényi: Eszterháza in Black and White (Eszterháza fehéren-feketén), Budapest, 1998;
Galavics: Darstellungen von Eszterháza aus dem 18. Jahrhundert (Eszterháza 18. századi ábrázolásai), Ars Hungarica, 2000; Fajcsák: Der Garten der Freuden (Az örömök kertje), Chinesen, Mongolen, Mandschurei in Eszterháza: Das Lackkabinett der königlichen Suite des Esterházy-Palastes (Kinaiak, mongolok, mandzsuk Eszterházán. Az Esterházy-kastély hercegi lakosztályának lakk-kabinetje), Árkádia Könyvek, Budapest, 2007; Marianne Hokky-Sallay: Das Schloss Esterházy in Fertőd, Kecskemet 1979.
Hévíz: Weltgrößter Thermalsee und Tropenflair
Blutgräfin-Burg Čachtice
Oberes Záhorie – eine Wüste im Marchfeld
Burgruine Devín – wo Donau und March zusammenfließen
Danubiana – Modern Art in grandioser Kulisse
Győr: alle Tipps für die Bilderbuch-Stadt am Wasser
Ják, Steinamanger, Güns – Zeitreise mit Charme
Bratislava zu Weihnachten: Pracht und Genuss
Alle Fotos: (c) heldenderfreizeit.com
Der erfahrene Kulturjournalist (ehemals Bühne, Wien exklusiv, Stil Ikonen usw.) berichtet bei den Helden der Freizeit über Ausflugsziele rund um Wien, Ausstellungen und vieles mehr.