
Nach seinen recht konzentrierten zwei Vorgängerromanen Salonfähig und Content gibt es mit Elias Hirschls neuem Werk Schleifen ein Mosaik von Ideen angeordnet um die Macht von Sprache. Die Frage ist, ob aus derart ungezügelter Kreativität auch ein kohärentes Gesamtbild entsteht. Erfahr mehr in Peters Buchtipp.
von Peter Huemer, 12. März 2026
Franziska Denk leidet als Kind an einer ganz besonderen Form der Hypochondrie: Jede Krankheit, jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sogleich. Ihre Eltern, die im Wien der 1930er in philosophischen Kreisen verkehren und deshalb ständig mit anderen über Gott und die Welt diskutieren, müssen das Kind oft isolieren, um das Schlimmste zu verhindern. Obwohl Franziska mit fortschreitendem Alter ihr Problem mehr und mehr in den Griff bekommt, behält sie die Fähigkeit, die Macht der Sprache in Realität umzumünzen. Was daraus nicht alles entstehen kann.

Die Antwort ist: so einiges und mehr. Schleifen ist ein dichter Roman, was nicht unbedingt für den Plot gilt, sondern für die Aneinanderreihung abschweifender Ideen und Szenarien und deren Entwicklung. Das ist keinesfalls negativ gemeint, bleibt der Hauptstrang doch präsent genug, um nicht zur Rahmenhandlung degradiert zu werden.
Die Abschweifungen werden aus dem Plot geboren und tragen mehr oder weniger stets wieder etwas dazu bei, sei es nun einen tatsächlichen Antrieb oder nur einen Gedanken, der eine neue Perspektive eröffnet. In einem riesigen Kreisverkehr verlorene Touristen. Ein Beipackzettel, der den Patienten jede Vorstellung von Schmerz nimmt. Die perfekte Sprache. Wissenschaft und Religion. Alles auf einmal und doch eins nach dem anderen. Wie die namensgebende Schleife im Roman wird der Plot immer wieder zerschnitten und anstatt lose Stücke, kommen dabei immer mehr kleinteiligere und in sich selbst verschlungene Schleifen heraus. Alles für sich meist nachvollziehbar und faszinierend, wenn auch oft ein bisschen folgenlos für’s große Ganze.
Kompliziert wird es erst, wenn so die dritte oder vierte Metaebene eingeführt wird. Da kommt es ganz genehm, dass es in dem Roman nicht unbedingt darum geht, einer Handlung Schritt für Schritt zu folgen, sondern eher darum, sich von den Ideen treiben zu lassen. Und das schaffen die Episoden. Denn Hirschl macht hier mehrmals im Miniaturformat, was er in seinen Vorgängerromanen immer wieder durchexerziert hat. Er steigert seine Szenarien unaufhaltsam von der Normalität oder leichten Abwegigkeit ins Absurde, denkt sie zuende bis sie sich selbst zersetzen.
Existieren können sie damit nur noch im Rahmen eines Romans, in dem die Sprache die Grenzen des Möglichen definiert. Rückwirkend scheinen sie auf einmal eher konsequent als absurd. Diese Regel gilt doppelt. Der Roman behauptet, durchwegs in der Realität angesiedelt zu sein, vermischt historische Fakten mit reiner Fiktion, belegt die eigene Wahrheit mit Fußnoten und dergleichen, sodass es echter Recherche bedürfte, um alles auseinander zu dividieren, zwingt einen aber nicht dazu. Für die Dauer des Lesens bleibt alles wahr. Die Sprache bestimmt die Wahrheit. Es ist befreiend und irritierend zugleich.

Mit fortlaufender Dauer verlangt der 400 Seiten starke Roman ein gewisses Durchhaltevermögen. Hin und wieder wünschte man sich, eine Abschweifung würde einen zurück in den Plot entlassen. Man fühlt sich immer wieder ausgebremst. Um alles in einem Schwall zu lesen, eignet sich das Buch nicht. Dafür ist es zu sperrig. Aber Episode für Episode, mit kleineren Pausen, fühlt man sich intellektuell gefordert, kann die vielen Denkanstöße fassen.
Mit den Werkzeugen der Satire zerlegt Hirschl die Realität und setzt sie neu zusammen. Es nicht verwunderlich, dass einem ein solches Buch hin und wieder auch mal Geduld abverlangt. Ob das Ergebnis als Roman, als erzählendes Werk funktioniert, bleibt stellenweise fraglich. Als einzigartiges Stück Literatur taugt es allemal. Kommt also darauf an, was man will und natürlich darauf, was der Autor wollte.
Schleifen ist ein Buch, das auf jeder Seite unterhält und zu denken anstößt, Interesse weckt und herausfordert. Leider gelingt es nicht immer, alle Elemente zu einer durchgehend zusammenhängenden Handlung zu verweben. Dafür dreht der Roman zu viele Pirouetten. Das macht aber nichts. Schleifen bietet genügend anderes, um darüber hinwegzutrösten. Man darf sich nur nicht von der Überfülle ermüden lassen.
Schleifen ist im Februar 2026 bei Zsolnay erschienen.
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Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.