Sechs Staffeln lang war die Gang aus Birmingham der absolute Kult. Nun kehrt ein abschließender Peaky Blinders Film auf Netflix zurück und erklärt das Schicksal ihres Anführers Tommy Shelby. Würdiger Abschluss für die legendäre Serie? Und muss ich sie gesehen haben, um den Film zu verstehen? Unsere Kritik zum düsteren Gangster-Drama bringt Licht ins Dunkel.
von Susanne Gottlieb, 17. 3. 2026
“Im Auftrag der Peaky Blinder” – dieser Satz fiel oft und gern, wenn Tommy Shelby und seine Gang in Birmingham aufräumten. Angesiedelt zwischen 1919 und 1934, zeigte die Serie den Aufstieg der Peaky Blinders von einfachen Schmugglern bis hin zu Repräsentanten im Parlament und bot eine Mischung aus Trauma-Bewältigung, Familiendrama, Macht, Korruption und politischen Allüren. Hauptdarsteller Cillian Murphy, vorher eher bekannt aus Indie-Filmen und Kino-Nebenrollen, machte die Serie zum Star. Nun verrät Steven Knight im Peaky Blinders Film The Immortal Man, der ab 20. März auf Netflix läuft, endlich das weitere Schicksal seiner Figur.

Als wir Tommy Shelby (Cillian Murphy) zuletzt sahen, war er auf ein Feld geritten, um Selbstmord zu begehen. Nur die Vision seiner toten Tochter Ruby hält ihn letztendlich davon ab. Doch die Zeit bei den Peaky Blinders ist vorbei, viele Mitglieder seiner Familie sind tot und die Frage, wohin es Tommy als Nächstes verschlägt, offen. Wie der Film uns nun verrät, hat sich Tommy auf seinen inzwischen verfallenen Landsitz zurückgezogen. Dort empfängt er nur mehr seinen Irish-Traveller-Freund Johnny Dogs (Packy Lee) und ignoriert die Bitten seiner Schwester Ada (Sophie Rundle), zurück nach Birmingham zu kommen und den Menschen zu helfen.
Das Jahr ist nämlich 1940, und England leidet unter den Bombenangriffen der Deutschen. In den KZs braut sich ein neuer Plan der Nazis zusammen: Die englische Wirtschaft mit Geld zu überfluten und so zusammenbrechen zu lassen. Drahtzieher auf englischer Seite ist der fiese Beckett (Tim Roth), der dafür Gangs aufsucht, die das Geld verteilen sollen. Eine solche sind die neu gegründeten Peaky Blinders. Nun unter der ruchlosen Führung von Tommys unehelichen Sohn Duke (Barry Keoghan). Dieser ist im Gegensatz prinzipiengeleiteten Vater nicht abgeneigt, hier Geschäfte zu machen. Diesem Dilemma ist sich wohl auch Dukes Traveller-Mutter Zelda aus dem Jenseits bewusst. Sie schickt ihre Zwillingsschwester Kaulo (Rebecca Ferguson) zu Tommy, um ihm einen Deal vorzuschlagen. Wenn er Duke vor diesem Abgrund rettet, wird er endlich seinen Frieden von den Geistern seiner Vergangenheit finden.

Steven Knight schickt seinen Tommy also auf eine letzte Mission, um seiner Seele Frieden zu verschaffen. Dabei bedient er sich an für die Fans ganz offensichtlichen vergangenen Elemente der Serie. Wieder müssen die Peaky Blinders, oder was von der alten Gang noch übrig ist, Waffen auf Booten schmuggeln. Wobei diese nicht mehr wie einst in der ersten Staffel das Hauptinteresse der Figuren sind, sondern höchstens ein Nebenstrang. Wieder darf Tommy auf einem schwarzen Pferd durch das inzwischen zerbombte Birmingham reiten, während Nick Cave and The Bad Seeds im Hintergrund Red Right Hand singen. Und wieder wird Tommy von seinem Ersten-Weltkrieg-Trauma der Schützengräben-Tunnel heimgesucht und muss sich im explosiven Finale in fast kathartischer Weise zum Feind vorgraben.
Die Kamera von George Steel fängt diese Momente in atemberaubenden Bildkompositionen ein. Gerade wenn man denkt, die Szenerie ist etwas zu ausgeblutet, zu grau, dann drückt der Krieg mit seinen Bomben imposante Feuer- und Rauchschwaden auf, dann steht Tommy im Tunnel und starrt gedankenversunken in ein mysteriöses Kopflicht, aus dem glühende Funken auf ihn herabfallen. Knight und Regisseur Tom Harper überlassen nichts dem Zufall. Hier ist ein vom Leben gebeutelter Mann, der noch einmal durch die Hölle gehen muss. Wenn Tommy, der sich lange weigert unter die Menschen zurückzukehren, das erste Mal mit Kappe und Anzug in den alten Pub Garrison zurückkehrt, und dort mit ein paar Großmäulern kurzen Prozess macht, ist das auch verdammt cool. Nicht nur ihm erscheinen die Geister der Vergangenheit. Auch als Zuschauer wird man durch neun Jahre Serienerinnerung katapultiert.

Was hingegen etwas Gewöhnung bedarf, ist der sehr ausgedünnte Originalcast. Bruder Johnny und Tante Polly sind schon lange tot, Bruder Finn wurde verstoßen, Cousin Michael hatte sich als Feind entpuppt und ist ebenfalls beseitigt worden. Auch Tommys Bruder Arthur ist zwischen Serienende und Film verstorben, obwohl dessen Abwesenheit eher dem starken Drogenproblem des Darstellers Paul Anderson zuzurechnen ist. Ebenso verstorben oder verschwunden sind Peaky Blinders-Mitglied Jeremiah und Tommys zweite Frau Lizzie. Die Kinder der Shelby-Geschwister sind bis auf Duke nur Statisten der zweiten Reihe, denen man ruhig etwas mehr Charakterentwicklung hätte verleihen können. Zwar ist Tommy deshalb noch keine Ein-Mann-Armee im Stil eines John Rambo, aber die abgespeckte Version der Gang verleiht dem Film eine sehr eigene Dynamik. Hier übergibt eine Generation ganz klar die Fackel an die nächste. Die Jüngere absolviert die Ältere.
Keoghan verleiht Duke seine charmant-chaotische Energie, Fergusons Charakter emuliert die mystische Seher-Aura von Tante Polly. Dass Duke als uneheliches Kind in der sechsten Staffel aus dem Hut gezaubert wurde und Kaulo der identische Zwilling von Zelda ist, mag etwas im Suppentopf der Seifenoper rühren. Doch der zunehmende Kitsch war schon in den letzten Staffeln der Serie ein leichtes Problem. Genauso wie Steven Knight immer mehr in den für ihn beliebig interpretierbaren Okkultismus der Irish Traveller abrutschte. Tommy schien beizeiten schon nicht mehr seine Pflichten als Politiker und Gangsterboss zu erfüllen, sondern einfach Gespenster und Visionen zu jagen. Das ist auch in der Interaktion mit Kaulo nicht anders, muss man aber wohl inzwischen als Bestandteil des Peaky-Blinder-Kanons akzeptieren. Die Fragen von Schuld und Generationentrauma werden an den Geistern, die Tommy verfolgen, geschickt abgehandelt.
Um die Motivation der Figuren zu verstehen, ja. Denn es wird auf viele Charaktere verwiesen, die in der Serie vorkommen. Trotzdem bietet The Immortal Man eine abgeschlossene Geschichte, wodurch der Film auch für sich alleine stehend funktioniert.
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Mehr InformationenDer Peaky Blinders Film ist ein würdiger Abschluss der Saga. The Immortal Man bietet noch einmal ein Bouquet aus einigen der besten Elemente der Serie, auch wenn sie deren einstiges Momentum am Höhepunkt natürlich nicht reproduzieren kann. Vielmehr gelingt hier ein feiner, leiser Abschied vom Gangster- und Traveller-König Tommy Shelby. Möge er Frieden finden.
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Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
