Regisseur Karim Aïnouz will in Rosebush Pruning in der leeren Existenz reicher Familien wühlen, schafft aber mehr visuellen Prunk als inhaltliche Tiefe. Unsere Kino-Kritik der Woche. Noch mehr Kinostarts findest du hier.
von Susanne Gottlieb, 5. 5. 2026
Was treibt eine reiche Familie an, die alles hat, außer Antrieb, Moral und Perspektive im Leben? Regisseur Karim Aïnouz und Giorgos Lanthimos-Stammdrehbuchautor Efthymis Filippou untersuchen die bizarre Dynamik einer New Yorker Familie in Spanien: Doch die Provokationen und Ideen köcheln zu seicht unter der Oberfläche.

Familien sind wie Rosenbüsche. Und Rosenbüsche müssten gestutzt werden. Mit diesen verhängnisvollen Worten leitet Ed (Callum Turner) als Erzähler die Geschicke der Familie Taylor ein. Gemeinsam mit seinem Vater (Tracy Letts) und seinen Geschwistern Anna (Riley Keough), Robert (Lukas Gage) und Jack (Jamie Bell) lebt er in einer luxuriösen Villa in Spanien. Dorthin hat die Mutter (Pamela Anderson) einst ihre New Yorker Sippe verfrachtet, bevor sie unter mysteriösen Umständen von Wölfen gefressen wurde. Reich wie man ist, wird keines der Familienmitglieder je wieder arbeiten müssen. Wie Ed bemerkt, hat das aber ihren Charakter nicht verändert. Der war schon immer egoistisch, oberflächlich und zerstörerisch.
Nur Jack ist anders. Als Einziger der Geschwister mit einem moralischen Kompass hat er sich auf eine Beziehung mit der Gitarristin Martha (Elle Fanning) eingelassen und möchte mit ihr zusammenziehen. In der fast symbiotischen Koabhängigkeit der Familie ruft das natürlich Panik hervor. Die Fassaden scheinen zu bröckeln, jeder verfolgt seine eigenen Ziele, um den Status quo zu erhalten, was sich gegen Ende zu einem dramatischen Showdown heranspitzt.

In Zeiten von Milliardären, Tech-Gurus, Börsenmanipulation und einer steigenden Armut auf der anderen Seite ist die Frage wohl nicht mehr, ticken reiche Leute anders, sondern wie kann ihre Macht ausgehebelt werden. Regisseur Karim Aïnouz und Drehbuchautor Efthymis Filippou konzentrieren sich aber auf Ersteres, was sie in die fast unmögliche Situation bringt, in Zeiten, wo manche ganze historische Brücken für ihre Yacht abtragen lassen wollen, Städte für Hochzeiten mieten, sich ins All schießen lassen und Sexparty- und Pädophilielisten auftauchen, dem Ganzen noch eins draufzusetzen. Doch diese Welt noch abstruser zu machen, wie etwa die Momente, wenn der Vater darum bittet, dass ihm jemand die Zähne putzt, und die Erkenntnis, wofür das wirklich ein Codewort ist, ist kein Leichtes und überspannt den Bogen höchstens mit billiger Provokation als gezielter Persiflage.
Das ist schade. Immerhin ist Filippou einer der Stammautoren des Greek Weird Wave-Gottes Giorgios Lanthimos. Aber von seiner Bissigkeit, die er noch im Skript von Dogtooth zeigt, das ebenfalls eine sehr spezielle Familie porträtiert, ist hier nichts mehr zu sehen. Man ist nicht mehr wütend und schockiert. Man zuckt die Schultern und denkt sich “ja eh”. Der Cast trägt die dürftig-dünne Handlung über weite Strecken geschickt mit. Turner gibt gekonnt den narzisstischen, aber dennoch tiefgründig-allwissenden Erzähler Ed, Gage fasziniert als Versace-besessener und inzestiös veranlagter Epileptiker Robert. Keough wird zu wenig eingesetzt, Fannings Martha wandelt ebenfalls ungenau skizziert als Schwellenhüter zwischen Jacks Gewissen und den niederen Instinkten der Familie, die ihr scheinbar auch nicht so fernliegen.

Wodurch Rosebush Pruning auf jeden Fall auch besticht, ist die Inszenierung. Kamerafrau Hélène Louvart taucht die katalonische Küste in tiefe, gesättigte Farben, die den Film beizeiten wie einen drogenartigen Rausch wirken lassen. Die Rosen leuchten tiefrot, gleichzeitig wirkt die Landschaft unter der spanischen Sonne selten wie eine romantische Touristendestination, sondern wie ein immer verzweigteres Labyrinth, in dem die Figuren verloren gehen. Die Musik von Matthew Herbert kribbelt unter der Haut, statt Wärme fühlt man sich stets auf der Hut.
Rosebush Pruning ist ein Kunstprojekt, das mit Look und Cast die Leute abzuholen vermag. Aber für eine wahrhaftige kritische Auseinandersetzung mit dem moralischen Verfall der gehobenen Gesellschaft ist dann einfach zu wenig Fleisch dran. Fleisch wie jenes, das die Familie monatlich den Wölfen zum Fraß vorwirft. Wenn diese gesättigt sind, fallen sie keine Menschen mehr an, ist das Credo. Doch wie im realen Leben stellt sich die Frage, wann sind die Wölfe unserer Welt je wirklich satt?
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Mehr InformationenRosebush Pruning mag mit ein paar provokanten Ideen aufwarten, kann aber inhaltlich nicht wirklich überzeugen. Reichensatire, zahm wie ein domestizierter Wolf.
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Alle Fotos: (c) Mubi
Susanne Gottlieb schreibt als Filmjournalistin für die Helden der Freizeit, Kleine Zeitung, NZZ, Standard, TV Media, Filmbulletin, Cineuropa und viele mehr. Sie arbeitet im Filmarchiv Austria, berichtet von diversen Filmfestivals und hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert.
