In seinem zweiten Soloprogramm Testament bezwingt Multitalent Robert Palfrader, bekannt aus ORF- Serienformaten wie Echt Fett und Was gibt es Neues?, souverän die Themen Tod, Vermächtnis, Erinnerung und Vergänglichkeit. Von rechtlichen Spielräumen beim Signieren des letzten Willens, ausgefallenen Bestattungswünschen, der Erbschaftssteuer und den Superreichen bis hin zu den Trümmerfrauen und der Frage, wer eigentlich Batmans Nachfolge antreten soll. Wie Palfrader es schafft, ein aberwitziges Anti-Pointenfeuerwerk trotz der manchmal etwas langen Zündschnur zu entfachen, liest du hier. Außerdem hat uns der Wir sind Kaiser-Darsteller zu einer exklusiven Backstage-Audienz im Wiener Stadtsaal geladen. Dort hat er uns in die eine oder andere Inspiration für sein neues Programm eingeweiht. Hier geht’s zum sehr amüsanten Video-Interview.
von Christina H. Janousek, 8. 11. 2026
Stell dir vor, einer deiner „Freunde“ vermacht dir seine Memoiren, damit du eine Grabrede über ihn hältst. Dabei wirst du mit 5000 Euro entschädigt, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Rede mindestens 15 Minuten dauert. Diese Bedingung hat nicht dein bester Freund gestellt, sondern jemand, den du einfach geduldet hast, weil er immer da war. Irgendwie wärst du ihn aber auch gerne losgeworden wie ein klebriges Stück Kaugummi.
Und noch dazu heißt dieser jemand Erwin, Erschi mit Spitznamen, wobei er sich mehr wie „Ärschi“ aussprechen lässt. Ärschi – ähm – Erwin ist der Dreh-und Angelpunkt von Testament und der fiktive Freund von einem ebenso fiktiven Palfrader, der aus einem tragischen Grund verendet ist. Der ist sogar so tragisch, dass Palfrader mit einem hysterisch herzhaften Lachen, von dem das Publikum sofort ergriffen wird, die kurze Stille des Stadtsaals durchbricht. Und damit den Tod von Anfang an zur Lachnummer deklariert.
Dass ausgerechnet Palfrader in seinem Stück die Ehre zuteilwird, die Erinnerung an jemanden wachzuhalten, den er kaum leiden konnte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich macht er sich im echten Leben sichtlich wenig daraus, was nach seinem Tod mit ihm geschieht. In seiner Familie wurde noch nie ein Testament hinterlassen. Bis es so weit ist, ist seine Bucket List kurz, wie Palfrader den Helden der Freizeit verrät: “Ich würde so wahnsinnig gerne Großvater werden. Damit würde ich einen Familienfluch brechen.” Denn das zu erleben, blieb vielen seiner Vorgänger-Generationen verwehrt. Palfraders Großvater war eine Hauptinspiration für Testament, denn von dem blieb nur eine Holzkiste mit ein bisschen Krimskrams zurück, obwohl er der Familie doch so wichtig war. “Da habe ich mir gedacht, das wäre ein interessantes Thema. Diese Idee habe ich ein Dreivierteljahr später wieder aufgegriffen.“

Die Römer pflegten ja zu sagen: „Über die Toten nichts als Gutes“. Hätten sie nur Erwin gekannt! Ironischerweise geht es im Programm aber weniger um Erwin selbst als um die Erinnerung an ihn – und darum, dass jede Erinnerung eine eigene Verfälschung ist, die niemals mit der anderer Personen übereinstimmt. Palfrader will hier nicht die Erinnerung zu einem Mittel stilisieren, das den Menschen aus Wehmut lebendig hält, im Gegenteil. Ob Erinnerungen unsterblich machen können? Mit dem Gedanken scheint sich Palfrader weniger anfreunden zu können: “Unsterblichkeit ist ein seltsames Ziel. Wer braucht das? Ich nicht! Ich möchte, dass die Leute, die mich gekannt haben, sich gerne an mich erinnern, das ja. Aber was von mir bleibt, das ist so wurscht.“
Palfrader nutzt das Thema Erinnerung stattdessen geschickt, um sich über den Tod zu erheben und ihn auszulachen. So amüsiert ihn der Gedanke, Borussia Mönchengladbach 10.000 Euro zu vermachen, bloß um den Verein in den kollektiven Wahnsinn zu treiben. Die würden sich doch ewig fragen, warum ausgerechnet ein absoluter Fußballmuffel ihr Erbe ist, und darauf nie eine Antwort bekommen. Selbst die eigene Familie kriegt ihr Fett weg. Als persönliche Rache am Tod schwafelt er seinen Kindern ständig von einem Grundstück in Neuseeland vor. Nur, damit sie bei der vermeintlichen Testamentslesung die bittere – und ziemlich lustige – Wahrheit erfahren: Das Land gibt es gar nicht.

Seinen Weg vom katholischen Klosterschüler zum Atheisten hat Palfrader bereits in seinem ersten Soloprogramm Allein (2018) verarbeitet. Romantische Vorstellungen vom Tod wie den Sensenmann hat er demnach keine: „Als Atheist kann ich nur positiv überrascht werden” Und wenn der Tod tatsächlich ein Beamter wäre, dann hätte ihn – so Palfrader – Kafka erfunden.
Auch in Testament bleibt er beim Tod immer auf der nüchternen, irdischen Seite. Wobei er sich dabei auch mit einem Augenzwinkern einen leisen, aber hörbaren Seitenhieb gegen die Kirche puncto Erbschaftsspenden (die neben Tierspenden übrigens zu den häufigsten Spenden von alleinstehenden Frauen zählen) oder katholische Bräuche wie das Ratschen zu Ostern erlaubt. Und Erwin, ein einst überzeugter Sozialdemokrat, der nun politisch etwas entgleist ist, ist dabei komischerweise gleichzeitig zum Esoteriker geworden. Und fällt jede Woche einer neuen Verschwörungstheorie zum Opfer.
Dafür eignet sich die 15-minütige Grabrede (eigentlich sind’s nur drei Minuten) perfekt, um Einsteins Relativitätstheorie im Selbstversuch zu testen und den berühmten Pawlowschen Hund endlich um ein Pawlowsches Herrchen zu ergänzen – auch wenn das Auswendigaufsagen der thermodynamischen Hauptsätze immer wieder von Ralf Schumachers Frau als Running Gag durchkreuzt wird.
Dabei hätten gerade die verlassenschaftsbezogenen und bürokratischen Angelegenheiten noch Pointenpotenzial gehabt und sich durchaus mehr Raum verdient – etwa die Unterschriftkonformitäten beim Testament, die Bestattungswünsche und -vorschriften (Diamantbestattung, Organspende) oder die Nachlassverwaltung. Gerade das hätte wohl vor allem bei all jenen für Wiedererkennung gesorgt, die selbst schon ein Verlassenschaftsverfahren hinter sich haben.

Die wirtschaftspolitischen Ausflüge rund um die Erbschaftssteuer und Superreiche à la Jeff Bezos und Elon Musk hingegen, aus denen Palfrader einen zweiten, etwas langwierigen Erzählbogen über seinen reichen Freund Johannes (ebenfalls fiktiv) spinnt, sprengen den thematischen Rahmen ein wenig und hätten durchaus entfallen können.
Batman im Wiener Gotham (übrigens ebenfalls ein Superreicher), der in Palfrader seinen Nachfolger sieht, sowie die Trümmerfrauen mit ihren herausfallenden Gebissen und violetten Haaren, die sich nach dem Fall des NS-Regimes oft mehr aus der Not heraus als aus Überzeugung am Wiederaufbau Wiens beteiligten, machen das allerdings wieder wett.
Palfraders zweites Soloprogramm Testament ist ein lebensbejahendes Stück, das es aber nicht notwendig hat, dem Tod eine Kampfansage zu erteilen – allein schon, weil es den Tod gar nicht ernstnehmen kann. Dabei entzündet sich weniger ein klassisches Pointenfeuerwerk. Es geht mehr um ein Wechselbad aus Running Gags und skurrilen Anti-Witzen, die gerade durch ihre ins Leere laufenden Pointen glänzen.
Was Palfrader uns sonst noch backstage verraten hat, kannst du dir hier in unserem Video anschauen.
Hier eine Übersicht, wo Palfrader als nächstes mit seinem Programm gastiert. Du willst noch was zu lachen und erleben haben? Dann schau dir unseren Event-Bereich mit weiteren Veranstaltungstipps, Kabarettsreviews und mehr an.
Aufmacherfoto: (c) heldenderfreizeit.com
Christina lebt bei den Helden der Freizeit ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort aus. Sei es mit Berichten zu Events, Filmen, Ausflügen oder Literatur. Dazu schreibt sie auch für andere Medien und veröffentlicht englischsprachige Kurzgeschichten.
