Die lang erwartete Fortsetzung des ikonischen Modefilms Der Teufel trägt Prada (2006) betritt nach zwei Jahrzehnten endlich den Laufsteg – und setzt ein neues Fashion-Statement, das weniger strahlt als einst. Erneut übernimmt David Frankel die Regie und stellt diesmal die Glitzerwelt der Mode neben Themen wie Wettbewerbsdruck, Stellenabbau im Journalismus und die wachsende Dominanz von Medienmonopolen im digitalen Zeitalter. Doch der Ansatz wirkt schnell überladen. Trotz üppiger Kleiderschränke, großer Modenamen, erneuter Cameo-Auftritte (u. a. von Models, Sängerinnen, Designer-Ikonen und Journalistinnen) treten Modeglanz und Leichtigkeit zunehmend in den Hintergrund, während Kritik an werbeabhängiger Berichterstattung und ökonomisch geprägten Medienstrukturen mitschwingt. Ein Spannungsfeld zwischen Ästhetik und politischem Anspruch – geht das auf?
Christina H. Janousek, 30. 4. 2026

Knapp 20 Jahre ist es her, seit Der Teufel trägt Prada unter der Regie von David Frankel als Kultfilm über die Modewelt die Kinoleinwände eroberte. Mit dabei das Dream-Quartett: Meryl Streep als eiskalte Chefin des fiktiven Modemagazins Runway, Miranda Priestly (inspiriert von der US-Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour), Anne Hathaway als ihre Assistentin Andrea (Andy) Sachs, die sich vom grauen Mauerblümchen zur stilbewussten Frau herausmausert, Stanley Tucci als Nigel Kipling, Mirandas rechte Hand und Andreas’ väterlicher Mentor, sowie Emily Blunt als ehrgeizige und spitze Assistentin Emily Charlton.
Im Sequel wird das einstige Print-Flaggschiff Runway zum Sinnbild einer Branche im Umbruch, in der redaktionelle Unabhängigkeit und wirtschaftliche Interessen frontal aufeinandertreffen – beschleunigt durch Digitalisierung, KI und Influencer-Kultur. Miranda Priestly (Meryl Streep) kämpft darum, das Magazin vor dem Zugriff mächtiger Investoren zu bewahren, während ein eskalierender Sweatshop-Skandal die moralischen Grundlagen der Branche erschüttert. Ausgerechnet ihre ehemaligen Protegées sollen helfen, das Image von Miranda und Runway über Wasser zu halten: Andrea Sachs (Anne Hathaway), inzwischen preisgekrönte Journalistin und nun spontan (gegen Mirandas Willen) Senior Editor bei Runway, und Emily (Emily Blunt), die mittlerweile bei Dior arbeitet und mit dringend benötigten Werbedeals das Überleben von Runway sichern soll.

Gleichzeitig verschieben sich die Machtverhältnisse weiter: KI, Influencer und algorithmische Logiken entscheiden zunehmend darüber, welche Inhalte sichtbar sind. Im Zentrum steht eine Medienwelt, in der Traditionshäuser immer stärker unter den Einfluss privater Supermächte geraten – von Jeff Bezos bei der Washington Post über Rupert Murdochs Imperium bis hin zu Elon Musks Übernahme von Twitter und Patrick Soon-Shiongs Einfluss auf die Los Angeles Times. Der Film behandelt damit nicht nur Wandel, sondern eine zentrale Machtfrage der Gegenwart: Wer kontrolliert Öffentlichkeit überhaupt noch?

Mirandas Autorität gerät ins Wanken. Als einstige Gatekeeperin der Modewelt wird sie zunehmend gezwungen, Kontrolle abzugeben – und mit diesem Machtverlust beginnt auch die Fassade der unanfechtbaren Ice-Queen zu bröckeln. Gerade darin liegt die Stärke der Figur: Sie wirkt erfrischend menschlich, ohne an politischer Schärfe zu verlieren. Feine Risse im kontrollierten Auftreten machen sie komplexer und ambivalenter.
Der Film zeigt diesen Wandel über kleine Gesten: wenn sie ihren Mantel selbst aufhängt; wenn ihre neue Assistentin (Simone Ashley) sie durch Fragen von Cancel Culture und Political Correctness navigiert; oder wenn sie ein diverseres Team ins Magazin holt. Auch ihr Verhältnis zu Nigel wird weniger selbstverständlich und stärker zur Aushandlung von Macht.

Auffällig ist zudem, dass sie sich nicht mehr ungefiltert äußern kann wie früher – eine Einschränkung von Kontrolle und Autorität, die als leiser politischer Konflikt spürbar wird.
Auch Andy Sachs hat sich weiterentwickelt: selbstbewusster, ohne zur glatt polierten Powerfrau zu werden. Ihre kleinen Unsicherheiten bleiben bewusst erhalten. Sie behauptet sich, ohne sich vollständig den Logiken der Branche (sei es in Journalismus, sei es in der Modeindustrie) zu unterwerfen – und steht damit in einem Spannungsverhältnis zur Institution, die sie nun mitgestaltet. Bei Emily Charlton zeigt sich hingegen, dass ihr Ehrgeiz eng mit ungelösten Konflikten aus ihrer Zeit bei Miranda verbunden bleibt. Er ist weniger individueller Antrieb als ein Produkt der Branche selbst.
Im ersten Film wird Mode vor allem als reines Zur-Schau-Stellen von Status und Zugehörigkeit inszeniert. Die Kostümbildnerin Patricia Field arbeitet dabei stark mit echten Luxuslabels wie Prada und Chanel. Dadurch wird Kleidung unmittelbar als visuelles Signal für Macht, Hierarchie, Status und Zugehörigkeit lesbar. Entsprechend gibt es hier auch deutlich mehr originale Designerstücke, die den Glamour und die reale Nähe zur Modeindustrie betonen.
Im zweiten Film verschiebt sich dieser Fokus. Kostümbildnerin Molly Rogers setzt stärker auf custom looks, also eigens entworfene oder für die Figuren entwickelte Outfits, die weniger Label zeigen . Mode wird dadurch weniger zur reinen Label-Schau und stärker zum Reflexionsmedium für Medienmacht, Körperbilder und Konsumkritik (inklusive Fast Fashion).

Gleichzeitig bleibt Miranda Priestly eine Figur, die Designerstücke weiterhin bewusst als Statussymbole anerkennt und klassische Modehierarchien verteidigt oder die Nase über Body Positivity rümpft, auch wenn der filmische Kontext dies zunehmend hinterfragt. Miranda erscheint in überhöhten Statement-Outfits, Emily mit sichtbaren Logos wie Dior als Mischung aus Influencer-Ästhetik und neuer Markenwelt. Andys Stil bleibt reduziert und zwischen diesen zwei Extremen.
Aussagekräftig ist schließlich auch der Soundtrack von Lady Gaga. Sie ist mit Songs wie Runway und Shape of a Woman nicht nur musikalisch präsent, sondern auch in einem Cameo-Auftritt. Gagas Looks tendieren stark in Richtung Pop Art und Körperperformance. Sie machen de Körper selbst zum Kunstwerk und sind damit ein selbstbewusster Ausdruck von Stilvielfalt, Körperbewusstsein und Diversität im Pop. Zugleich stehen sie für das Brechen mit jenen Modekonventionen, die eine Figur wie Miranda mit ihren strukturierten Powerlooks von Dolce & Gabbana oder Celine verkörpert. (Man denke etwa an Gagas kontroversen Auftritt im Fleischkleid bei den MTV Video Music Awards 2010.)

Im Film verdichtet sich dieses Spannungsverhältnis, wenn Gaga und Miranda einander vor dem Spiegel gegenüberstehen. Unterstützt wird dies durch einen kurzen Cameo–Auftritt von Models wie Ashley Graham oder POC (People of Colour)-Models wie Naomi Campbell und Anok Yai und den Versuch, ein diverseres Körperbild am Laufsteg zu zeigen. (Auch Hathaway hat sich bei den Dreharbeiten für ein gesünderes und diverseres Körperbild am Laufsteg eingesetzt). Der Soundtrack fungiert dabei als Kommentar zu den gesellschaftlichen Verschiebungen des Films.
Mit ihren futuristisch angehauchten Looks verkörpert Gaga eine Persönlichkeit, die es ihr ermöglicht, trotz der Veränderungen in der Modeindustrie ihre Individualität zu bewahren und daraus Nutzen zu ziehen.
Dass der Glamour einer sich wandelnden Modeindustrie durch KI, Influencer, Medienmonopole und E-Commerce ein Stück weit verblasst, ist gewollt und thematisch passend. Billige Onlinehändler und Markenfälscher wie Shein, Temu oder AliExpress – Sinnbilder der „Ultra Fast Fashion“, die unter anderem Verbraucher- und Umweltschutz aushebeln und Zölle umgehen – schwingen dabei subtil zwischen den Zeilen mit. Mode soll jenseits ihrer Oberfläche verstanden werden. Auch Andrea, Miranda und Emily wirken ausstaffierter und komplexer, gerade weil sie tiefer im System verankert sind. Zugleich wird das Etablissement einer Miranda Priestly aufgeweicht, ohne es zum Sturz zu bringen.
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Mehr InformationenDoch genau hier liegt das Problem: Trotz inhaltlicher Schlüssigkeit und greifbarer Figuren verliert der Film an Leichtigkeit. Mirandas Neckereien sitzen nicht mehr – zu sehr ist Andrea inzwischen selbst zur modebewussten Instanz geworden. Die spielerische Spannung des Originals löst sich auf. Es geht nicht mehr um die Unanfechtbarkeit von Mirandas Modeurteil, sondern um dessen Relativierung – um eine Versöhnung mit anderen Stilbegriffen.
Gerade darin liegt die Ironie. Indem der Film Mode demokratisiert, verliert er einen Teil jener Fallhöhe, die ihn einst so unterhaltsam gemacht hat. Auch Simone Ashley überzeugt schauspielerisch – als Mirandas neue Assistentin Amari nimmt sie jene Position ein, die einst Andrea innehatte. Doch ihre Figur bleibt symptomatisch für das Problem: keine Entwicklung, sondern von Beginn an stilistisch abgeschlossen. Aber auch wenn der Look diesmal nicht ganz stimmig ist, trägt er den Film – noch.
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Fotos © Disney
Christina lebt bei den Helden der Freizeit ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort aus. Sei es mit Berichten zu Events, Filmen, Ausflügen oder Literatur. Dazu schreibt sie auch für andere Medien und veröffentlicht englischsprachige Kurzgeschichten.
