Nach knapp zweieinhalb Jahren Pause kehren Monkey D. Luffy und seine Strohhutpiraten zurück und erobern erneut die Weltmeere des One-Piece-Universums. Warum die Adaption der japanischen Vorlage von Eiichiro Oda – trotz verstärktem CGI-Einsatz und eines leichten stilistischen Kurswechsels – ihr (Stamm-)Publikum weiterhin bei Laune halten kann, aber aufpassen muss, nicht in die Franchise Falle zu tappen, verraten wir euch hier.
von Christina H. Janousek, 10. 3. 2026
Die Jagd nach dem sagenumwobenen Schatz One Piece geht weiter – und mit ihr der Traum vom Titel des Königs der Piraten. Staffel 1 adaptiert vor allem die Handlungsstränge der sogenannten East-Blue-Region, einer noch vergleichsweise überschaubaren Piratenwelt. Sie erzählt in erster Linie die Entstehungsgeschichte der Piratencrew rund um Luffy & Co. (Hier nennen wir dir übrigens 7 Gründe, warum sich die Serie rentiert.)

Mit dem Aufbruch in die Grand Line wird die Welt in Staffel 2 aber spürbar größer – und vor allem bunter. Neue, visuell auffällige Schauplätze, noch schrägere Figuren und neue Mitglieder der Strohhut-Crew erweitern das Abenteuer, während persönliche Hintergrundgeschichten neuer Figuren viel düsterer sind als in Staffel 1. Auch erzählerisch verschiebt sich der Fokus: Die Marines werden differenzierter und moralisch komplexer dargestellt, die Handlungsstränge stärker miteinander verknüpft, und mit der Einführung eines kriminellen Netzwerks weichen einzelne lokale Konflikte zunehmend größeren politischen Zusammenhängen. Gleichzeitig treten Luffys familiäre Konflikte etwas in den Hintergrund.
Monkey D. Luffy (Iñaki Godoy) und seine Crew stellen sich in der Grandline-Region neuen Herausforderungen, schließen auf ihren Abenteuern spannende Allianzen und treffen in der zweiten Staffel von One Piece auf Baroque Works – eine riesige, hierarchische Schattenorganisation voller Agenten mit verschleierten Identitäten. Ihr Ziel: die Monarchie des Königreichs Alabasta zu unterwandern, die Königsfamilie zu schwächen und das Königreich entweder zu stürzen oder unter ihre Kontrolle zu bringen. Auf den verschiedenen Inseln, die Luffy bereist, nutzt die Organisation lokale Konflikte geschickt zu ihrem Vorteil.

Ganz im Sinne der Bühnenkunst und der Malerei des Barock als politische Machtinstrumente spielen die Agenten dabei mit Rollen, Masken und Täuschungen: Sie setzen künstlerisch-theatralische Inszenierungen, Intrigen und psychologische Manipulation ein und nutzen gezielt die Schwächen und Egos anderer, um ihre Machtpläne voranzutreiben. Vor explodierenden Rotzkugeln, einem Künstler, der seine Opfer zu Wachsfiguren erstarren lässt, oder einem Mädchen, das mit seiner Farbpalette Emotionen kontrollieren kann, ist selbst die Piratencrew nicht gefeit.

Wer nach der ersten Staffel wieder lediglich mit vertraut wirkenden, vergleichsweise realistischen Settings wie Fischerdörfern, Häfen, Marktstädten, schwimmenden Restaurants oder tropischen Inselstränden rechnet – also Schauplätzen, die sich noch halbwegs praktisch umsetzen lassen –, wird überrascht. Mit dem Aufbruch in die Grand Line kippt die Serie deutlich stärker ins Fantastische.
Ein gutes Beispiel ist die prähistorisch anmutende Insel Little Garden mit ihrer dichten Dschungelvegetation: Hier streifen Dinosaurier durch den Urwald, während zwei rivalisierende Riesen – einer davon mit deutlichen Wikinger-Anklängen – seit Jahrzehnten ihren Kampf austragen. Auch Drum Island mit seinem arktischen Klima und dem sprechenden, von Menschen und Tieren gleichermaßen ausgestoßenen blaunasigen Rentier Tony Tony Chopper zeigt, wie stark die Serie nun ins Märchenhafte abdriftet.

Für das Publikum bedeutet das: deutlich mehr Fabelwesen, deutlich mehr visuelle Effekte – und damit auch eine spürbar größere Dosis CGI, die besonders in den teilweise in die Länge gezogenen Kampfszenen ins Gewicht fällt. Später gesellen sich sogar noch kämpfende Nonnen dazu. Aus ästhetischer Sicht mag der bisweilen recht bunte CGI-Overkill jedoch auch dem Zusammenspiel politischer und künstlerischer Motive der Baroque Works geschuldet sein.
Interessant ist dabei ein kleines Paradox: Obwohl Netflix bei den menschlichen und tierischen Figuren kaum eigene Kreationen erfindet und sich eng am Manga von Eiichiro Oda orientiert, erzeugt die stark komprimierte Zusammenführung dieser fantastischen Elemente in der Serienhandlung einen Effekt, der an große Popkultur-Franchises erinnert.

Die Mischung aus exotischen Kreaturen, überzeichneten Schauplätzen und spektakulären Effekten kann stellenweise ein ähnliches Gefühl hervorrufen wie bei Universen à la Star Wars, Iron Man oder Avatar: weniger das langsame Erschaffen einer neuen Welt oder Mythologie, sondern eher das schnelle Durchwandern eines bereits voll ausgestatteten Fantasieuniversums.
Eine allzu offensichtliche Wiederverwertung bekannter Marken oder eine direkte Spiegelung unserer Gegenwart ist bislang kaum zu spüren. Noch wirkt die Serie erstaunlich eigenständig. Trotzdem stellt sich schon jetzt die berechtigte Frage, wie lange sie der typischen Franchise-Falle entgehen kann. Kaum ist Staffel zwei erschienen, laufen bereits die Vorbereitungen für die dritte: Gedreht werden soll in Kapstadt, erste neue Darsteller wurden schon bestätigt. Das überrascht ein wenig – vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Zeit zwischen der ersten und der zweiten Staffel vergangen ist.
Gerade deshalb dürfte Staffel 3 entscheidend werden. Wahrscheinlich rückt dann der Alabasta-Handlungsstrang in den Mittelpunkt, der in Staffel 2 lediglich kurz durch Prinzessin Vivi angeteasert wird. In der Vorlage taucht hier erstmals der geheimnisvolle Drahtzieher hinter Baroque Works auf – der erste wirklich ikonische Gegenspieler der Reihe. Gleichzeitig weitet sich der Konflikt deutlich aus: Aus einem Abenteuer wird Schritt für Schritt eine Geschichte mit globalen Dimensionen. Staffel drei könnte damit zum echten Wendepunkt für One Piece werden – im besten wie im riskantesten Sinne.

Statt die – ziemlich komplexe und deswegen umso spannendere – Beziehung zwischen Luffy und einzelnen Marines zu erkunden, rührt die Serie eher an neuen, emotionalen Storylines, die einen direkt ins Herz treffen, wie bei Tony Chopper (Stimme: Mikaela Hoover) oder Prinzessin Vivi (Charithra Chandran). Es geht um Familie, Loyalität, Bestimmung – Klassiker der großen Abenteuer-Drama-Kiste. Gleichzeitig wirken die Marines nicht mehr so persönlich und amateurhaft, sondern treten als richtig ernstzunehmende Institution auf. Sie jagen Piraten aus Pflichtgefühl, folgen einem eigenen Ehrenkodex und haben trotzdem ihre moralischen Grauzonen. Sie sind also keine klassischen Bösewichte wie Baroque Works. Die Marines wirken eher wie ein System, das man bewundern, aber nicht immer ganz verstehen kann. Netflix legt damit in der ersten Staffel eine super Grundlage, um sie überhaupt als feste Kraft in dieser Welt zu begreifen – deutlich mehr als der Comic in dieser frühen Phase zeigt.

One Piece: Into The Grand Line zeigt im Vergleich zum Vorgänger deutlich mehr Schauplätze aus dem Comic-Universum und setzt diese visuell reichhaltig um. Dabei kann der CGI-Einsatz manchmal überstrapaziert wirken, selbst wenn er gelegentlich die politischen Intrigen des kriminellen Netzwerks Baroque Works ästhetisch veranschaulicht. Die komprimierte Zusammenführung von Storylines und Fabelwesen – von Dinosauriern über einen Wikinger-Riesen bis zu einem sprechenden Rentier – lässt die Welt der Serie manchmal eher wie eine Collage bekannter Elemente erscheinen, statt eigenständig zu wirken. Episoden wie die Logue-Town-Geschichte, in der die Legende des früheren Piratenkönigs ihren Ursprung nimmt, hätten besser als Abschluss der ersten Staffel statt als Beginn der zweiten gepasst.
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Mehr InformationenPolitische und institutionelle Konflikte treten stärker hervor als persönliche Motivationen, doch neue Crewmitglieder bringen mehr emotionale Tiefe. Was im Comic funktioniert, wirkt in der Serie gelegentlich überzogen – gleichzeitig zeigt die Serie nach wie vor, dass Action, Fantasie und Intrigen auch auf der Leinwand funktionieren können. Glänzende schauspielerische Momente liefert vor allem David Dastmalchian, der als bekannter Superhelden-Bösewicht (Suicide Squad, Ant-Man) zum kunstvollen Schurken Mr. 3 wird – und nach Jamie Lee Curtis’ überraschendem Ausstieg brilliert auch Katey Sagal als Dr. Kureha.
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Alle Fotos: © Netflix
