Thomas Maurer’s neues Programm ist politisches Kabarett mit Tiefgang. Die Helden der Freizeit waren bei der Premiere im Stadtsaal. Warum es sich lohnt, auch einmal im richtigen falschen Film zu landen – und die Regie freiwillig abzugeben.
von Christina H. Janousek, 21. 2. 2026
Gesellschaft, Werte, Politik und menschliches Verhalten sind wiederkehrende Ankerpunkte in Thomas Maurers Programmen (u. a. Der Tolerator, Trotzdem, Die Zukunft, Zeitgenosse aus Leidenschaft). Mit Im falschen Film (Regie: Petra Dobetsberger) geht Maurer einen Schritt weiter. Hier stellt sich die Frage, ob die aktuellen Absurditäten unserer Gegenwart nicht längst aus einem schlecht gealterten Drehbuch stammen. Oder, ob wir manche Entwicklungen nicht deshalb so bizarr finden, weil wir sie irgendwo schon einmal in Filmen gesehen haben.

Wer hätte gedacht, dass sich eine Siebträgermaschine nach bester italienischer Machart nicht nur für hervorragende Espressi eignet, sondern auch als Denkmodell für den vermeintlichen „Untergang“ unserer demoralisierten Gesellschaft taugt – während sich ganz nebenbei der Boiler aufheizt? Mit zackigen Armbewegungen imitiert Thomas Maurer eine fiktive Kaffeemaschine und nimmt das Publikum mit auf eine gedankliche Reise, bei der politische Seitenhiebe serviert werden wie Espressi: zunächst eher mild, dann etwas (ver)bitter(t), dann kräftiger. Und ganz wie beim Kaffee gilt auch bei den Pointen – mit jeder weiteren Tasse nimmt die Intensität spürbar zu.
Von apokalyptischen Hirngespinsten amerikanischer Tech-Milliardäre wie Tesla- und X-Chef Elon Musk oder PayPal-Gründer Peter Thiel, der in Greta Thunberg den Antichristen und in Donald Trump den Katechon als Niederhalter des Bösen erkennt, spannt der Wiener einen ebenso klugen wie amüsanten Bogen bis hin zu Cancel-Culture-Debatten. Ergänzt wird dieser durch die Thematisierung von Social-Media-Content-Creation als modernen Teufelspakt und gleichzeitige Absage an das Künstlertum.
Auch die geheime Frau von Jehova, Asherah, die schrittweise aus der Bibel verschwunden sein soll und damit dem Glauben an einen männlich konnotierten Monotheismus Konkurrenz macht, ebenso wie der dreimal verfilmte Lord of the Flies – jene verhasste Lieblingslektüre von Maurers darwinistischem Sport- und Englischlehrer – bleiben von der scharf geschwungenen Kritikkeule nicht verschont.

All das und noch mehr wird mit Leichtigkeit in filmische Referenzen eingebunden. So könnte sich Elon Musk bei Hugo Drax, dem Superschurken und reichsten Mann der Welt aus dem 007-Klassiker Moonraker, so einiges abgeschaut haben. Immerhin wollen beide Billionäre die Raumfahrt jenseits staatlicher Programme technologisch revolutionieren. Vielleicht schneiden Musks Ambitionen, wie etwa die Kolonisierung des Mars zum Zwecke von Nachhaltigkeit und Ressourcensicherung, nur scheinbar besser ab als Drax’ Weltzerstörungspläne.
Und wenn man dann hört, dass Douglas Rushkoff, ein Professor für Medientheorie und digitale Wirtschaft, von einer handverlesenen Runde Tech-Milliardäre in die Wüste von Las Vegas gebeten wird, um mit ihnen über alternative Lebensorte für ihre digital steuerbaren Endzeit-Bunker zu sinnieren – selbstverständlich für den nach allen Berechnungen unvermeidlichen Weltuntergang – und dabei ernsthaft die Frage im Raum steht, ob sich die Loyalität der Leibwächter nicht mittels Disziplinarhalsband optimieren ließe, dann wirkt das weniger wie Zukunftsplanung als wie Casting für den nächsten Dystopie-Blockbuster.
Der Vergleich mit Die Klapperschlange mit Kurt Russell drängt sich geradezu auf. Die Wächter spritzen den Gefangenen explosive Miniaturkapseln in den Hals, um sie in dem zur Strafkolonie erklärten Manhattan zu überwachen. Der Unterschied? Im Kino nennt man es Fiktion. Im Silicon Valley nennt man es offenbar Szenario-Planung.
Neben den Seitenhieben auf technische Auswüchse von beinahe apokalyptischem Kaliber bleibt man auch vor zweischneidigen Komplimenten an die KI nicht verschont. Natürlich, heißt es dann, sei der Einsatz von Verjüngungssoftware für die Filmindustrie praktisch – selbst wenn sich Robert De Niro und Al Pacino im fast vierstündigen The Irishman von Martin Scorsese selbst nicht mehr ähnlich sähen. Immerhin: Der Tod ist jetzt offenbar kein Karrierehindernis mehr. Warum also nicht noch einen Schritt weitergehen? Da könnte die FPÖ unter Herbert Kickl den ehemaligen Kanzler Bruno Kreisky als nostalgisches Hologramm auferstehen lassen – aus einer Zeit, in der ein SPÖ-Kanzler tatsächlich mit der FPÖ regieren konnte.

Dass bei der Premiere gleich zu Beginn das Mikro den Geist aufgibt, schmälert den Abend keineswegs – im Gegenteil. Es fügt eine unerwartete ästhetische Würze hinzu. Genauso charmant: Maurer vergisst offenbar auch mal den Text, eine Souffleuse bringt ihn galant ‘auf die Spur’. Fast so, als würde das Programm sein eigenes Drehbuch schreiben und Maurer kurzzeitig die Regie aus der Hand geben. Ob das jetzt geplant war oder nicht? Das spielt letzten Endes keine Rolle – die Frage selbst wird zur Pointe der gesamten Vorstellung.
Und dann die Pause. Kaum hat man sich an den unfreiwilligen Slapstick gewöhnt, trällert Every Breath You Take von The Police – ein Stalker-Song – ausgerechnet nach Maurers Szene, in der er von zwei anonymen Männern verfolgt wird, die ihm einen Social-Media-Vorschlag unterbreiten, den er nicht ablehnen kann. Alles untermalt von der Musik aus Der Pate und mit einer Bildsprache, die an expressionistische Stummfilme erinnert.
Im falschen Film verspricht einen kurzweiligen Abend. Wir lernen Maurer nicht nur als Cineasten, sondern auch als Improvisationskünstler kennen. Es wirkt fast so, als passe er das Programm laufend an neue Entwicklungen an – und das bewusst so, dass es ausbaufähig bleibt. Wenn er zum Beispiel die Frage nach dem Völkerrecht im Zusammenhang mit Maduros Verhaftung durch die USA und deren Angriff auf Venezuela anspricht, reagiert er spontan, witzig und pointiert. Selbst wenn er sich den einen oder anderen Ö1-Beitrag über sumerische Mythologien anhört und dabei sein Wissen über Weltreligionen vertieft oder sich über abgedroschene Interviewfragen ärgert, die zu beantworten er leid ist, stellt sich keine Langeweile ein – im Gegenteil: Die Neugier wird geweckt.

Besonders charmant ist sein Umgang mit der Cancel-Culture. Statt sich darüber aufzuregen oder für eine Seite Partei zu ergreifen, belächelt er sie mit feinem Humor und einem Augenzwinkern. Die Debatte wirkt dadurch eher wie eine kleine, elegante Fußnote – ein harmloses, fast amüsantes Phänomen. Auch der lockere Spagat aus nur scheinbar nicht zusammenhängenden Gedanken und Sachverhalten schafft Pointen, die hängenbleiben. Und das, ohne dass man das Gefühl hat, in die Defensive gedrängt oder mit Polemik belehrt zu werden.
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Fotos von Thomas Maurer © Ernesto Gelles
