Wer braucht schon das Meer für eine Kreuzfahrt, wenn man sie im Wiener CasaNova gemeinsam mit Musicaldarstellerin, Schauspielerin und Sängerin Eva Maria Marold antreten kann? Hier sticht die Multitalentierte mit ihrem neuen Programm Frauen und Kinder zuerst! in See. Die Helden der Freizeit haben den Anker der Costa Dekadenzia gelichtet. Ob das Schiff sicher durch die tiefen Gewässer des Humors navigiert, kannst du in unserer Review nachlesen.
von Christina H. Janousek, 12. 11. 2025
Knapp zwei Jahre sind seit Eva Maria Marolds letztem Programm vergangen. Nun hat sie unter der Regie des belgisch-österreichischen Drehbuchautoren Serge Falck eines ins Leben gerufen, in dem sie sich stärker auf ihre Musical-Wurzeln besinnt. Mit ins Boot werden dabei die Musiker Andi Pilhar an der (E-)Gitarre und Martin Payr am Klavier geholt.

Sängerin auf einem Kreuzfahrtschiff sein und zur Belustigung des Massentourismus wie eine lebendige Jukebox Lieder ausspucken? Ein Horror in Dur und Moll, der für die Burgenlandkroatin höchstens als Notfall im Drehbuch des Lebens vorgesehen ist. Selbst Falcks wohlmeinender Rat, sich als Inspiration einmal auf eine Kreuzfahrt einzulassen, hat Marold in den Wind geschlagen, wie sie in einem ORF-Interview beichtete. Dafür hat sie zu viel Respekt vor den Lebewesen im Meer und zu wenig Lust auf das Gefühl, in einem schwimmenden Käfig ohne Notausgang gefangen zu sein.

Trotzdem ist ihr Alptraum auf der Costa Dekadenzia Realität geworden. Am Steuer: Falck, dessen verbale Klangqualität den Wiener Linien während der Durchsagen ernsthafte Konkurrenz macht. Das Bordensemble? Eine Ansammlung talentierter Nichtschwimmer. Doch ist nur (!) die Crew mit Schwimmflügeln, einem Flamingo-Schwimmreifen und Schwimmwesten ausgestattet. Wobei – Marold kommt sich in ihrer eigenen ein bisserl wie Donald Trump vor: jener, von dem nach Hurrikan Helen KI-generierte Bilder mit einer Rettungsweste im Netz kursierten und der nach der Puerto-Rico-Kontroverse während der US-Wahlen 2024 tatsächlich in die Weste eines Müllmanns schlüpfte.

Ähnlich wie die für unsinkbar gehaltene Titanic mit ihren vollautomatischen Wasserschutztüren und elektrischen Fahrstühlen scheint die Costa Dekadenzia auf ihre eigene Art eine Mischung aus technischer Innovation, luxuriöser Ausstattung und menschlicher Selbstüberschätzung mit unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen und Kommunikationsdefiziten zu sein. Man erinnere sich auch an den legendären Falco-Hit Titanic, in dem das sinkende Schiff zum Inbegriff einer materialistischen Gesellschaft avanciert.
Marolds Costa ist ein technologisches Kuriosum – das Radar zum Flüchtlingssensor umfunktioniert, einst im Besitz von Tech-Tycoon Elon Musk, der nach Autopilot-Pannen seiner Teslas, sinkenden Umsätzen und Mars-Kolonisierungsfantasien nun offenbar auch ins maritime Geschäft investiert. Die Costa hat er an Sierra Leone verhökert, um seine 14 Alimente-fordernden Kinder zu finanzieren. Kurz: Ein digitaler, durch Apps bedienbarer Koloss – ideal, um den CO₂-Abdruck noch tiefer in die Meeresböden zu fräsen.

Da hilft nur eines – die gesellschaftliche Untergangsstimmung zu besingen, bevor das Orchester endgültig verstummt. Das tut Marold am liebsten mit gecoverten Liedern: Italo-Pop von Raf und Umberto Tozzi (Gente di Mare), Andrea Celentano (Azzurro) und Andrea Boccelli (Con te partiro), aber auch Country-Rock von Dolly Parton (Islands in the Stream) und natürlich die Titanic– Ballade von Celine Dion (My Heart will go on) bereichern das Kreuzfahrt-Feeling. Neben diesen gecoverten Liedern bieten auch solche mit deutschen Dialekttexten Abwechslung, z. B. von Elton John (I’m still standing bzw. Schau, i steh‘ no).

Anekdoten aus Marolds Leben sind scharfzüngig und pointiert. Für den ein wenig umweltfreundlicheren Flug nach Palermo lässt sich der QR-Code des digitalen Boardingpasses einfach nicht scannen. Drei Automaten funktionieren – der Rest befindet sich offenbar im wohlverdienten Zeitausgleich. Hinter Marold: ausgerechnet Reisende aus China, wo man am Flughafen längst die Gesichter der Passagiere kennt, bevor sie den Ausweis zücken. Datenschutz? Ein Konzept, das dort ungefähr so exotisch ist wie analoge Bordkarten.

Und das Liebesleben der Kabarettistin? Speist sich aus der bitteren Erkenntnis, dass hinter all den geküssten Fröschen kein Prinz steckt. Einer der Anwärter ist mal im wahrsten Sinne des Wortes baden gegangen – und zwar in der Adria. Er stürzte über Bord und verbrachte, ganz wie Jona, drei Tage im Bauch eines Wals, bevor er an der Küste Dubrovniks ausgespien wurde und ein Fischlokal eröffnete. Ein Ereignis, das weniger als Wunder, sondern womöglich als Umweltkommentar zu verstehen ist: Die Sichtung von Walen an der adriatischen Küste ist zwar nicht unmöglich, kommt aber nicht alle Tage vor. Lärm, Schiffsverkehr, militärische Sonare, Tiefseebergbau, Überfischung und andere menschliche Einflüsse begünstigen u. a. den Orietierungsverlust, sodass sich die Wale in fremde und flachere Gewässer verirren können. Selbst George Clooney, Markenbotschafter für Nespresso und selbstproklamierter Umweltschutz-sowie Menschenrechtsaktivist, bekommt hier sein Fett weg.

Eva Maria Marolds Rückbesinnung auf ihre Musical-Wurzeln ist kein Zufall, sondern die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung, die sich bereits in Radikal Inkonsequent und Vielseitig Desinteressiert abgezeichnet hat: Kein klassisches Soloprogramm mit Playback mehr, sondern nur ihre unverfälschte Stimme – und weniger Text. Das ist beachtlich, da Marold wirklich eine großartige und authentische Bühnenpräsenz ausstrahlt und die Segel der Costa Dekadenzia mit ihrer vielseitigen stimmlichen Bandbreite durch unterschiedliche Musikgenres manövriert.
Aus kabarettistischer Perspektive bleibt der gesellschaftskritische Anteil überschaubar. Da hätte man sich stellenweise noch mehr Wuchteln gewünscht. Das liegt wohl auch daran, dass Marold – wie sie in einem Kurier-Interview offen bekannte – das Ulknudel-Image über Bord werfen möchte. Das Singen liegt ihr sichtlich mehr als das Schreiben klassischer Kabarettnummern. Der Programmtitel Frauen und Kinder zuerst! ist klug gewählt: ein geflügelter Satz, der, oft als Ehrenkodex missverstanden, in Wahrheit mehr Mythos als Realität ist (man denke an die MS Birkenhead 1852) – und durch Titanic endgültig popkulturell verklärt wurde. Thematisch führt der Titel jedoch leicht in die Irre, denn Rollenbilder oder feministische Pointen (wie z. B. in Working Mom) stehen hier weniger im Mittelpunkt als musikalische Vielseitigkeit und stimmliche Virtuosität.

Eva Maria Marolds neues Programm Frauen und Kinder zuerst besticht an erster Stelle durch die stimmliche und musikalische Vielfalt. Die Pointen sind spärlicher, aber dafür feiner dosiert – oft ökokritisch. Das ergibt einen kurzweiligen, in sich runden Abend, bei dem die Pause fast wie ein Stilbruch wirkt. Für eingefleischte Marold-Fans ist das Programm ein Geschenk. Ein jüngeres Publikum, das sie hauptsächlich als Kabarettistin aus der TV-Show Was gibt es Neues? kennt, müsste sich im Vorfeld mit ihrer Gesangs- und Musicalkarriere vertraut machen. Auszahlen tut sich’s. Alle Infos zu Terminen und Preisen findest du hier.
Falls du Unterhaltung mit gutem Essen verbinden willst, so sehenswert ist die neue Dinner-Show im Palazzo im Prater.
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Fotos von Eva Maria Marold: © Andreas Müller
