Graf Dracula ist zurückgekehrt! Aktuell treibt der berühmteste Vampir und Fürst der Finsternis in ganz Österreich und Deutschland sein Unwesen. Die Helden der Freizeit haben sich in der Halle E des Museumsquartiers in Wien (wo er bis 1. Februar und dann wieder 2027 zu sehen ist) in den Bann des Blutsaugers ziehen lassen. Wir verraten euch, warum dieses schaurig-schöne Dracula- Musical mit viel Biss auch ohne übertriebene Blutrünstigkeit besticht und wo es noch zu sehen ist. Außerdem haben wir in diesem Video auf Instagram oder hier auf TikTok einige großartige Impressionen für dich.
Christina H. Janousek, 29. 1. 2026

Kein anderer Roman fängt wohl so intensiv die unbewussten Sorgen, Obsessionen und Faszinationen der viktorianischen Epoche ein wie Bram Stokers Dracula (1897). Stoker spielt mit Themen wie Kontrollverlust über den eigenen Körper, Fragen von Sexualität und „Abweichungen“, weiblicher Begierde und der Angst vor dem Fremden – besonders dem Osteuropäischen, das als vermeintliche Bedrohung für die britische Kolonialmacht galt. Selbst medizinische Theorien zur körperlich-geistigen Degeneration, die ersten Schritte der Psychoanalyse, gewagte Bluttransfusionen, als Blutgruppen noch unbekannt waren, und die moralische Bewertung von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Gonorrhö als „Sünde“ schleichen sich auf subtile Weise in die Geschichte ein.
Umso erstaunlicher ist, dass die Figur Dracula zunächst kaum skandalisierte. Der Roman wurde zu seiner Zeit wohlwollend bis relativ positiv rezipiert und weder zensiert noch kontrovers diskutiert. Als archetypischer Vampir begann Dracula erst im 20. Jahrhundert Wellen zu schlagen – vor allem in der Zwischenkriegszeit, mit Nosferatu (1922) und später Dracula (1931) in Hollywood.
Das Dracula- Musical unter der Regie von Alex Balga ist bereits fast ausverkauft – und das nicht ohne Grund. Der Soundtrack des amerikanischen Komponisten Frank Wildhorn sorgt mit rührenden Balladen und kräftigem Rock für Gänsehaut und Herzklopfen zugleich. (Das Original ist auf Englisch). Wegen der großen Nachfrage wird die Show 2027 wieder in Wien auf Tour gehen. Kein Zufall, dass ausgerechnet Jan Ammann wieder auf der Bühne steht: charismatisch, stimmlich überlegen, schon als Graf Krolock in Tanz der Vampire gefeiert und selbstproklamierter Team Edward-Fan von Twilight.

Der junge Londoner Anwalt Jonathan Harker (Philipp Dietrich) – streng, spießig und ganz das Musterbeispiel gutbürgerlicher Ordnung – reist nach Transylvanien, um den Kauf eines Anwesens für Graf Dracula (Jan Ammann) zu regeln. Doch im Schloss läuft alles anders als geplant: Anstelle von Akten und Verträgen lauern dunkle Geheimnisse – und ein Graf, der plötzlich Feuer fängt, als er ein Bild von Jonathans Verlobter Mina Murray (Lisa Habermann) sieht.

Jonathan ist mehr als nur ein Gast. Er gerät in Draculas Bann und findet sich zwischen Faszination, Angst und dem Sog gefährlicher Erotik wieder. Die weiblichen Gäste des Schlosses – schön, verführerisch, ein bisschen unberechenbar – lassen ihn nicht los, und Jonathan weiß nicht, ob er sich fürchten oder staunen soll. Dracula aber hat nur ein Ziel: Mina für sich zu gewinnen. Und dafür schreckt er vor nichts zurück – weder vor Regeln noch vor Leichen. Ein Spiel aus Liebe, Verführung und Gefahr beginnt.

Aus dem Bühnenbild mit seiner gotisch, viktorianisch angehauchten Architektur lässt sich überraschend viel herausholen. Das Dracula- Musical inszeniert sich beinahe wie ein Film: Mit Parallelmontagen und Split-Screen-Elementen laufen mehrere Szenen gleichzeitig ab. Während im Vordergrund gesungen, getanzt und gespielt wird, entstehen im Hintergrund visuelle Nebenhandlungen, die das Bühnengeschehen erweitern. Geteilte Bühnenräume, vom Boden aufsteigende Nebelschwaden und rasante Szenenwechsel versetzen die Bühne in permanente Bewegung.
Das alles pulsiert im Takt der Musik. Das kann kurzzeitig überwältigend sein, weil mehrere Handlungsstränge gleichzeitig ablaufen und man nicht immer weiß, wohin man zuerst schauen soll. Auch die Kontraste zwischen hellem und dunklem Licht und die grellen Scheinwerfer können schon mal irritieren. Genau das sorgt aber für Tempo und Spannung. Die emotionale Zerrissenheit zwischen Dracula und Mina sowie ihre geheimnisvolle, fast telepathische Verbindung werden so unmittelbar erfahrbar. Gleichzeitig treffen Welten aufeinander: Jonathans bürgerlich-vernünftige Herkunft, die nüchterne Logik des Vampirjägers Van Helsing und Draculas dunkle Sphäre aus Leidenschaft, Verführung und ungebändigtem Begehren.

Professor Van Helsing (Marius Bingel) ist dabei weit mehr als der klassische Vampirkiller. Er steht für Wissenschaft, Aufklärung und kühlen Kopf – lose inspiriert von Gerard van Swieten, dem Leibarzt Maria Theresias. Dieser reiste im 18. Jahrhundert nach Mähren, um angebliche Vampirfälle zu untersuchen, und entlarvte sie mit medizinischem Wissen als Aberglauben. In dieser Tradition wird Van Helsing im Musical zur lästigen Stimme der Vernunft: Er versucht, dem Übernatürlichen mit Fakten zu begegnen – und muss bald selbst feststellen, dass sich das Übernatürliche jeder Logik entzieht.

Gegen Draculas dunklen Charme, große Gefühle und starke Rocksongs hat es die Vernunft auf der Bühne nunmal nicht leicht. Die Gesangseinlagen von Draculas männlichen Gegenspielern klingen oft eher wie ein laues Lüftchen, und ihre Dialoge sind bewusst so überdreht, dass man manchmal nur noch lachen kann. Dracula dagegen setzt ein echtes Ausrufezeichen: Mit seinem kraftvollen Bariton überzeugt er nicht nur in gefühlvollen Balladen, sondern trifft auch Sounds, die an Heavy Metal oder sogar an die Neue Deutsche Härte erinnern.

Auch der ikonische Dracula-Anzug hat in Balgas Musical seinen Auftritt: schwarzer Umhang mit hohem Kragen, schwarzer Smoking oder Anzug, weißes Hemd, schwarze Hose – manchmal sogar rotes bzw. rötliches Futter im Umhang. Ganz wörtlich aus Stokers Roman stammt er aber nicht, sondern ist das Ergebnis früherer Film- und Bühnen-Adaptionen. Das Musical nimmt sich also bewusst Freiheiten – der Anzug erinnert hier teilweise sogar an den eines Pimps.
Generell zeigt Kleidung im Musical Draculas innere Wandlung: Anfangs noch an den Aristokraten und Tyrannen Vlad, den Pfähler, erinnernd, passt sich seine Kleidung nach und nach Mina an bzw. umgekehrt auch Mina seiner Ästhetik. Die Vampirbräute tragen Outfits, die eindeutig von Burlesque inspiriert sind. Besonders witzig: Jonathan gerät fast – aber nur fast – in einen unfreiwilligen Striptease, eine Szene, die den bekannten Tanz nochmal augenzwinkernd aufgreift.

Bei Dracula – Das Musical kommen nicht nur Vampir- oder Musical-Fans auf ihre Kosten. Auch Musical-Unkundige werden ihre Freude daran haben. Statt auf Blutrünstigkeit, sexualisierte Gewalt und Vulgarität zu setzen, punktet diese Inszenierung mit einem dynamischen Bühnenbild, einem starken Bariton, der zugleich einen leidenschaftlich verwundbaren Dracula verkörpert – ein Charakter, den das Publikum vollkommen abnimmt – und einer ausdrucksstarken Garderobe.
Wien: Bis 1. 2. 2026 und von 23. – 28. 11. 2027
Linz: 20. – 22. 3. 2026
Innsbruck: 21. – 23. 4. 2026
Graz: 25./26. 4. 2026
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Alle Fotos: (c) Nico Moser
