Nach Daphne, Anthony und Colin ist nun Benedict Bridgerton an der Reihe, sich auf dem Heiratsmarkt der Londoner High Society zu behaupten. Doch kann die 4. Staffel der Netflix-Serie mit ihrem gefeierten Vorgänger mithalten, wenn sie auf eine nüchterne Mischung aus Cinderella-Motiv und Downton Abbey-Ästhetik setzt? Oder nutzt sich das bewährte Spiel aus Romantik, Intrigen und Balzverhalten langsam ab?
Staffel 4 wird uns in zwei Teilen auf Netflix serviert. Seit 29. 1. mit den Folgen 1 bis 4. Am 26. Februar folgen dann die restlichen 4.
von Christina H. Janousek, 30. 1. 2026
Man könnte meinen, dass Bridgerton mit der Enttarnung der Klatschkolumnistin Lady Whistledown seinen größten Trumpf bereits ausgespielt hat. Tatsächlich geht Produzentin Shonda Rhimes ein nicht unerhebliches Risiko ein. Sie entmystifiziert in Staffel 3 erzählerisch jene Figur, die bislang nicht nur die Verkupplungsversuche der Londoner Haushalte kommentierte und damit regelmäßig die Aufmerksamkeit – wie auch den Groll – von Königin Charlotte auf sich gezogen hat, sondern deren Identität selbst das zentrale Geheimnis der Serie war. Dieses ‚Problem‘ wird durch eine neue Figur mit verschleierter Identität wettgemacht: Sophie Beckett, das Liebesinteresse von Benedict Bridgerton. Ob diese Wiederholung des bewährten Geheimnismotivs noch trägt, bleibt fraglich. (Unsere Reviews zu den vorherigen Staffeln findest du hier zu Staffel 1 und hier zu Staffel 2.)

Der Freigeist und Bohemien Benedict Bridgerton (Luke Thompson) ist ein selbstproklamierter Gesellschaftsmuffel. Debütantinnen, die mehr an ihrer Garderobe als am Leben interessiert sind, lassen ihn kalt. Stattdessen sucht er Zerstreuung in Lusthäusern und durchzechten Nächten – sehr zum Missfallen seiner Mutter Violet (Ruth Gemmell). Nach Anthonys Umzug nach Indien entzieht er sich zudem den familiären Pflichten. Verwaltung von Finanzen und Ländereien, Schutz des Familienrufs, Genehmigung von Heiratskandidaten und die Betreuung seiner jüngeren Geschwister.
Auf einem Maskenball begegnet Benedict der maskierten Magd Sophie Beckett (Yerin Ha). Hals über Kopf verliebt, macht er es sich zur Mission, die Unbekannte wiederzufinden. Und ausgerechnet sie ist es, die als neue Magd in den Bridgerton-Haushalt tritt.

Mit der Entscheidung, eine Magd ins Zentrum der Handlung zu rücken, versucht Bridgerton, sich von früheren Mustern zu lösen. Statt spielerischer Wortgefechte und Wettbewerbe dominieren klassische Märchenmotive. Sophies Geschichte folgt fast mustergültig dem Cinderella-Narrativ – tyrannische Stiefmutter, heimlicher Ballbesuch, Flucht um Mitternacht mit nur einem Handschuh (statt einem Schuh) als Hinweis. Auch ihre Herkunft als verarmte Tochter aus gutem Hause bleibt fest im Märchenkanon verankert.

Sophie wird zwar mit Bildung, Französischkenntnissen und medizinischem Basiswissen ausgestattet, was insbesondere bei der sich als ewige Jungfer verkaufenden Eloise (Claudia Jessie) gut ankommt. Doch jenseits dieser Zuschreibungen erschöpft sich die Figur in ihren Attributen und bleibt letztlich klischeehaft. Das Ergebnis wirkt unbeholfen und überzeugt nur bedingt.
Das Getratsche der Küchenmädchen und Diener, die klingelnden Glocken und die Haushälterin, die nicht nur ihre Bediensteten im Blick behält, sondern auch das Liebesleben ihrer Hausherrin mit Argusaugen beobachtet. All das wirkt wie eine charmante Reminiszenz an Downton Abbey.

Bridgerton geht noch einen Schritt weiter. Die Diener, v. a. aber die Dienerinnen, treten selbstbewusst auf, kündigen in anderen Haushalten, fordern bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Ihre Arbeit wird sichtbar als Ressource, auf die die High Society angewiesen ist. Das sind kleine, u. a. feministische Momente, die zwischen Glamour, Romanze und Maskenbällen frischen Wind bringen.
Einer ähnlichen sozialkritischen Richtung folgt das Verhältnis zwischen Queen Charlotte (Golda Rosheuvel) und ihrer Confidante Lady Danbury (Adjoa Andoh). Letztere ist für ihren Scharfsinn und ihr diplomatisches Geschick bekannt. Sie ist eine der wenigen Personen, die sich traut, in Anwesenheit der Queen kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie beherrscht außerdem die Kunst, die Königin bei Laune zu halten und im richtigen Moment das Richtige zu sagen. (Um das Verhältnis zwischen den beiden Figuren besser nachvollziehen zu können, lohnt sich auch der Bridgerton-Ableger Queen Charlotte.)

In Staffel 4 verliert dieses Gleichgewicht seine Leichtigkeit. Die bisherigen Staffeln inszenierten dieses Machtgefälle meist als kalkuliertes Spiel, als Abfolge exzentrischer Launen, über die sich hinwegsehen ließ. Die Königin nutzt jetzt ihre Position, um persönliche Grenzen zu überschreiten und sich über die Bedürfnisse ihrer Confidante hinwegzusetzen. Damit stellt sie eine Beziehung infrage, die bislang auf gegenseitigem Respekt beruhte. Bridgerton zeigt hier eindrücklich, dass selbst scheinbar intime Freundschaften brüchig bleiben, wenn sie auf struktureller Ungleichheit basieren. Gleichzeitig wird ein derartiges Verhalten der Queen aber auch nachvollziehbar gemacht.
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Mehr InformationenDie vierte Staffel von Bridgerton besticht durch eine stärker ausgeprägte sozialkritische Note, die aber durch das Märchen-Narrativ bewusst abgeschwächt wird. Nicht zuletzt, weil die Serie insgesamt apolitisch bleiben will. Die Enttarnung von Lady Whistledown tut ihr zwar keinen Abbruch. Trotzdem wirkt Staffel vier nach dem Höhepunkt der dritten insgesamt nüchterner. Trotzdem kann man sie als passabel einstufen.

Dafür ist die Inszenierung von Intimität weniger aufgesetzt und ehrlicher. (Mit Staffel vier will man sich auch textgetreuer an Julia Quinns Buchvorlage An Offer from A Gentleman halten). Das gilt emotional wie körperlich, besonders zwischen Benedict und Sophie, aber auch in Freundschaften wie jener zwischen Lady Danbury und Queen Charlotte.
Die ruhigere Gangart spiegelt sich formal in mehr Innenraumszenen, die meist in gedämpften Lichtverhältnissen inszeniert sind, wieder – aber auch in den pastelligen Kostümen der Regency Periode. Landsitze wie z. B. Burghley House und Ham House und die Landpartien bekommen wir in geringerem Maße zu sehen. Einzig die Tendenz, Pop-Hits von klassischen Ensembles (Vitamin String Quartet, Strings From Paris) interpretieren zu lassen, bleibt konsequent. Ob die vierte Staffel als gelungene Richtungsänderung oder enttäuschender Stilbruch wahrgenommen wird, hängt vom Blickwinkel ab. Für neues Publikum erfrischend, für langjährige Fans der Serie (nicht zwingend der Bücher) womöglich irritierend.
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Fotos: © Netflix (Liam Daniel)
