Du glaubst, du kennst das Spionage-Thriller-Genre in- und auswendig? Dann wird dich die achtteilige Serie PONIES eines Besseren belehren – und positiv überraschen.
von Christina H. Janousek, 15. 1. 2026
Ob The Spy Who Dumped Me (2018), The Flight Attendant (seit 2020), Winner (2024), Cat Person (2024) oder nun auch PONIES: Regisseurin und Drehbuchautorin Susanna Fogel hat eine Vorliebe für Frauenfiguren, die zunächst für selbstverständlich gehalten werden. Gerade dadurch gewinnen sie Handlungsmacht und nutzen ihre Unscheinbarkeit. Sie stoßen ungewollt auf Mordkomplotte, geraten als Kollateral-Informantinnen in politische Verstrickungen, bewegen sich in Beziehungen unter falschen Voraussetzungen oder huldigen – wie in Winner – der Whistleblowerin Reality Winner, die Russlands Einflussnahme auf die US-Wahl 2016 und die Geheimhaltung dieser Information durch die US-Regierung öffentlich machte.
Mit PONIES nimmt sich Fogel eines traditionell männerdominierten Genres an, in dem politisch motivierte Ideologien, organisierte Geheimdienste, Militärtechnologien und professionelle Spione in actiongeladenen Kämpfen sonst im Vordergrund stehen. Wenn es Agentinnen gibt, werden diese meist idealisiert oder ins Groteske gezogen. PONIES meistert den Spagat zwischen beiden Extremen und bricht mit den Konventionen klassischer Spionage-Thriller wie The Americans, Killing Eve, Kleo oder Homeland.

1977, während des Kalten Krieges: Die hochgebildete und überqualifizierte Bea, Kind sowjetischer Migranten (Emilia Clarke), und die furchtlos-freche Twila, ein Kleinstadtmädchen aus Indiana (Haley Lu Richardson), arbeiten anonym als Sekretärinnen an der US-amerikanischen Botschaft in Moskau. Als ihre Ehemänner, beide CIA-Agenten, ums Leben kommen, spüren sie, dass die wahren Gründe für deren Tod verschleiert werden. Sie beginnen auf eigene Faust zu ermitteln und werden schließlich von der CIA als Geheimagentinnen rekrutiert – denn sie sind „PONIES“ (persons of no interest), also Menschen, von denen niemand eine solche Rolle erwarten würde. Genau deshalb eignen sie sich perfekt für Undercover-Einsätze, um Informationen über KGB-Agenten zu sammeln. Dabei decken sie nicht nur Geheimnisse über ihre Feinde auf.

Clarkes und Richardsons Figuren erhalten kein professionelles Spionagetraining, sondern werden ins kalte Wasser geworfen. Sie handeln intuitiv, improvisieren und punkten gerade durch ihre Verwundbarkeit und Unvollkommenheit, die die Serie nicht glättet. Bea und Twila wirken harmlos, bürgerlich, modisch – und werden gerade deshalb unterschätzt. Spannung entsteht hier weniger durch Action, Verfolgungsjagden oder Folterszenen, sondern durch emotionale Traumata und bürokratische Machtspiele. Die Serie beginnt mit der Trauer, die Bea und Twila auf ganz unterschiedliche Weise bewältigen. Sie verliert sich aber nicht darin, sondern führt die Handlung weiter: über das wachsende Misstrauen gegenüber dem Doppelleben ihrer Ehemänner und der fragwürdigen Rolle der CIA bis hin zu einem Akt der Selbstermächtigung.
Weder auf russischer noch auf amerikanischer Seite werden allwissende oder übermächtig kompetente Geheimdienste inszeniert. Trotz des Kalten-Krieg-Settings bleibt die Handlung erstaunlich frei von ideologischer Überfrachtung oder Verschwörungsrhetorik. Ebenso ungewöhnlich: Der Ost-West-Konflikt wird dabei aus der Perspektive des feindlichen Machtzentrums (Moskau) geschildert. Die Serie kommt ohne Militärtechnologien oder Nuklearwaffen aus. Neben Bea und Twila rücken weitere, sonst oft randständige Botschaftsmitarbeiter:innen und deren Privatleben in den Fokus.

Der mysteriöse Tod ihrer Ehemänner gibt Beas und Twilas Leben eine neue Richtung – und lässt sie entdecken, was eigentlich schon immer in ihnen steckte. Sie werfen keine alte Identität ab, sondern schöpfen ihr wahres Potenzial aus. Wichtig: Sie wollen selbst aktiv werden, nicht auf Geheiß der CIA. Sie bestehen selbst auf die Rekrutierung. Offiziell hat diese – zumindest aus Sicht der CIA – nichts mit ihren eigenen Nachforschungen oder ihrem Misstrauen gegenüber den Todesumständen zu tun, auch wenn die Serie diese Trennung immer mehr als Illusion entlarvt.
Das Durchqueren von Moskaus Märkten, dem Roten Platz oder verlassenen Gassen (bei Nacht) – Twila etwa, in einem Shirt mit der Aufschrift ‚Bounce, Bounce, Bounce‘, das ihre amerikanische Seite betont – wirkt bewusst unrealistisch, ulkig und unterhaltsam. Schließlich handelt es sich um zwei relativ auffällige Ausländerinnen, die ungestört durch eine Stadt wandern, in der sie sofort auffallen müssten und vom KGB aufgelesen werden würden – ein Szenario, das die Realität mit charmantem Übermut übergeht. PONIES zeigt wiederholt, dass Geheimdienste auf Sekretärinnen, Übersetzerinnen und Verwaltungspersonal angewiesen sind, ihnen aber weder Anerkennung noch Schutz gewähren.
Am Anfang ist ihre Beziehung vor allem eine Zweckgemeinschaft. Bea und Twila sitzen im selben Boot und arbeiten aus reiner Notwendigkeit zusammen. Ein kleines Machtgefälle scheint mitzuschwingen – doch nur auf den ersten Blick. Bea spielt gelegentlich ihre Kultiviertheit aus, was ihr nicht immer hilft und manchmal sogar im Weg steht. Twila kommt mit ihrem selbstbewussten Auftreten schneller an Kontakte, geht dabei aber auch Risiken ein: Ihr Übermut und ihre Selbstüberschätzung bringen nicht nur sie selbst, sondern auch andere in Gefahr. Dabei bleibt sie moralisch nicht immer sauber und bedient sich fast der gleichen Tricks wie die, die sie eigentlich bloßstellen will. Im Laufe der Handlung wird aus dem pragmatischen Miteinander echte Freundschaft und Solidarität.

Budapest bietet ein urbanes Setting, das sich mit wenig Umbau in eine osteuropäische Hauptstadt der 1960er/70er Jahre verwandeln lässt. Historische Bauten ohne moderne Glasfassaden, monumentale Plätze, sozialistische Nachkriegsarchitektur und passende Ausstattung (u. a. cyrillische Straßenschilder) machen das Moskau der Serie glaubwürdig. Kulissen wie die Metropolitan Ervin Szabó Library (Casinoszenen), das Rudas Thermalbad (geheime KGB-Treffen) oder verlassene Ziegelsteinfabriken (Informationsaustausch) sorgen für Authentizität. Man stößt hier auf kein touristisches Postkarten-Moskau, sondern auf einen glaubwürdigen Alltagsschauplatz.

Die Serie setzt Musik gezielt ein, um den Zeitgeist der Moskauer Untergrundszene, der hier lediglich in Umrissen sichtbar wird, zu spiegeln: d. h. Künstler, Musiker und andere Dissidenten, die dem staatlich verordneten Sozialistischen Realismus widersprachen.
Boney M., die erste westliche Mainstream-Popgruppe, die 1978 u. a. mit Rasputin in der UdSSR auftreten durfte, und Elton John, der 1979 als einer der ersten großen westlichen Solokünstler in Moskau spielte und dessen nicht-heterosexuelle Identität öffentlich bekannt war (er hatte sich zuvor als bisexuell geoutet, später als schwul), symbolisieren den kulturellen Widerstand gegen den Sowjetkommunismus (PONIES mag sich bei dem genauen Datum des Elton John-Konzerts Freiheiten nehmen).
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Mehr InformationenPONIES ist ein psychologischer Spionagethriller ohne Actionpathos: verletzliche Frauen statt Profis, eine Welt, in der Wissen nicht Macht, Wahrheit nicht Sicherheit und Nützlichkeit nicht Wert ist. Der Titel steht für Unterschätzung, Austauschbarkeit und Instrumentalisierung, Budapest überzeugt als Moskau-Double. Kostüme machen den Kalten Krieg sichtbar: Polyesteranzüge, Wickelkleider und Trenchcoats der US-Botschaftsmitglieder kontrastieren die matte sowjetische Mode; zugleich verweisen dezente Schlaghosen junger Frauen in der UdSSR vereinzelt auf amerikanischen Einfluss als Zeichen von Individualität und Freiheit. Das Narrativ bleibt unideologisch und ohne aktuelle Russland-Anspielung. Elton John und Boney M. fungieren als Widerstandssymbole, russische Musik bleibt selten, in Verhör- und Abhörszenen erklingen u. a. Fleetwood Mac und Heart.
Clarke überzeugt in russischen Dialogen – vorbereitet durch Sprachunterricht –, nach Dothraki und Hochvalyrisch in Game of Thrones. Sprachbarrieren zeigen sich nicht nur zwischen Englisch und Russisch, sondern mit Bea auch innerhalb des Russischen – dort, wo Herkunft hörbar werden kann. Richardson zeigt Spionage als ökonomische Alltäglichkeit, nicht als Privileg oder Luxus. Eine zweite Staffel kann sich sehen lassen.
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