
In den Slowakischen Kleinen Karpaten, die vom Wiener Kahlenberg gut sichtbar sind, befindet sich die Burgruine Čachtice (Schächtitz). Der einstige Hauptwohnsitz der legendären Blutgräfin Elisabeth Báthory (1560–1614) ist mythenumrankt und eindrucksvoll. Im Guinness Buch der Rekorde ist sie als größte Serienkillerin aller Zeiten verzeichnet. Angeblich ermordete die Blutgräfin über 600 Jungfrauen. Seit Jahrhunderten zieht die Geschichte der Báthory weltweit ungebrochene Faszination auf sich. Unzählige Bücher, Filme, Theaterstücke, Opern, Comics, Computergames zeugen davon.
Die Umgebung von Čachtice bietet zwei weitere bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten. 25 Kilometer südwestlich, am Übergang der Kleinen zu den Weißen Karpaten, befindet sich der Grabhügel (Mohyla) von Milan Rastislav Štefánik, dem slowakischen Mitbegründer der Tschechoslowakei. Ein aufgrund seiner Höhenlage und Monumentalität einzigartiges Mausoleum des 20. Jahrhunderts. 15 Kilometer südöstlich, im Waagtal (Považie), liegt Piešťany (deutsch Pistian), der größte Kurort der Slowakei und Juwel der Art-Nouveau-Spas.
Im 20. Teil meiner Serie “Grenzgänger” beschreibe ich, wie ein Tagesausflug von Wien zur Blutgräfin-Burg und ihrer Umgebung zu einem faszinierenden Erlebnis wird. Mit Insider-Tipps, kulinarischen Empfehlungen und einer praktischen Orientierungskarte. In einem Kurzvideo kannst du dir hier auf Instagram oder hier auf TikTok einen ersten Eindruck verschaffen.
von Martin Kienzl
Der Karpatenbogen, der sich östlich von Wien bis in die Ukraine und Rumänien erstreckt, war schon immer die perfekte Kulisse für das Unheimliche. Stark bewaldet, dünn besiedelt und oft nebelverhangen sind die Karpaten “das” Horror-Gebirge Europas. Die Dracula-Burg Bran liegt in den rumänischen Karpaten; die Blutgräfin-Burg seines weiblichen Vampir-Pendants Báthory in den slowakischen Karpaten.

Beide waren historische Personen mit einer sadistischen Ader. Doch dass Dracula Blut trank, ist ebenso wenig belegt wie die Legende der Báthory, sie habe im Blut junger Mädchen gebadet. Aber ein Stück Wahrheit ist, wie in jedem Mythos, dabei. Unter anderem wegen ihrer wunderschönen Lage ist die Ruine – nicht nur für Horrorfans, die es aus aller Welt hierherzieht – ein attraktives Ziel für einen Tagesausflug.

Burg Čachtice, deutsch Schächtitz, ungarisch Csejte, befand sich zur Zeit von Elisabeth Báthory in ihrem besten Zustand. Nach Zusammenbruch des Mährerreichs und der Ungarischen Landnahme vor 900 war die heutige Slowakei zu Oberungarn geworden. Die Region um Čachtice lag fortan an der Grenze zum Königreich Böhmen, dem heutigen Tschechien, das im 13. Jahrhundert zu einem zunehmend aggressiveren Staat wurde. So kam es zur Erbauung der Burg. In den blutrünstigen, neurotischen Zeiten der Elisabeth, als die Osmanen ins Habsburgerreich einfielen, sollte sie ein Bollwerk sein. Doch bis hierher drangen die Türken nicht vor. Unter anderem dank eines so mutigen und grausamen Kämpfers wie Elisabeths Mann Franz Nádasdy. Möglich, dass dieses Umfeld Elisabeth zur Psychopathin machte. Der Grund, warum Čachtice heute eine Ruine ist, hat einen Namen: Franz II. Rákóczi. Er führte Anfang des 18. Jahrhunderts den nach ihm benannten Aufstand Ungarns gegen die Habsburger an. Dabei wurde die Burg zerstört.

Elisabeth Báthory wurde im ungarischen Nyírbátor (früher Báthor, woraus sich der Familiennamen ableitete), an der heutigen Grenze zur Ukraine und zu Rumänien, geboren. Seit ihrer Kindheit litt sie an Epilepsie, damals als von Bösem besessen gedeutet. Ihren Familiennamen führte sie auch nach ihrem 15. Lebensjahr, als sie Franz Nádasdy heiratete, weiter. Denn der Name Báthory war mit hohem Prestige verbunden. Die Báthorys waren eine der mächtigsten und reichsten Adelsfamilien Europas. Ihre Mitglieder erlangten höchste ungarische Ämter, in Polen sogar die Königswürde. Die katholischen Habsburger, insbesondere der ungarische König Matthias II., ab 1612 auch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, waren bei ihnen hoch verschuldet. Hochzeitsgeschenk für Elisabeth: Čachtice, Wohnsitz des zum Protestantismus konvertierten Paares und Elisabeths Lieblingsburg. Drei ihrer Kinder erreichten das Erwachsenenalter.

1604 beerbte sie ihren Mann. 1605 verstarb der letzte ihrer zwei Brüder. Die möglicherweise lesbische Báthory beerbte auch ihn und wurde – für eine Frau damals ungewöhnlich – Oberhaupt der Báthorys mit riesigen Besitztümern – darunter u. A. auch Burg Devín, die wir euch in unserem Grenzgänger Teil 5 “Burgruine Devín: Wo Donau und March spektakulär zusammenfliessen” vorgestellt haben. Heiducken, vor allem für den Grenzschutz zuständige Infanteristen, lehnten sich gegen sie auf. Weil sie ihre grausame Führung ablehnten, und vermutlich von den Habsburgern aus politischen Gründen aufgehetzt wurden. Damals begann Báthory, laut Überlieferung, ihre sadistische Ader auszuleben. Auf Schloss Nádasdy im westungarischen Sárvar, in Čachtice, auf Burg Lockenhaus und in Wien, in ihrem heute noch existierenden Ungarischen Haus. Wie viele der ihr zugeschriebenen Verbrechen sie tatsächlich begangen hat, wird nie geklärt werden können.

Zahlreiche Behauptungen über ihre Persönlichkeit und ihre Taten muss man im Zusammenhang mit der damaligen Zeit sehen, in der es unrühmliche adelige Praxis war, Personal zu züchtigen. Über Báthory wurde berichtet, dass sie ihre Hausmädchen, wenn sie sich ungeschickt anstellten, mit perfider Gewalt sanktionierte – Auspeitschen, Nadelstiche, Zwangsbäder in Eiswasser, Misshandlungen mit glühendem Eisen, Wälzen in Brennnesseln, Zunähen des Munds.
Laut Legende soll sie im Lauf von zwanzig Jahren über 600 Mädchen, die aus armen Dörfern oder der Dienerschaft herbeigeholt wurden, sadistisch gefoltert und ermordet haben. Wie viele – mutmaßlich um die vierzig – es tatsächlich waren, wird nie geklärt werden. Angeblich wurden von Ermittlern Leichen und Misshandlungsspuren gefunden. Davon, dass sie im Blut ihrer Opfer gebadet haben soll, um zu ewiger Jugend zu gelangen, ist in den Gerichtsakten keine Rede. Das Bild der im Blut Badenden wurde von einem Jesuiten während der Gegenreformation, erst 100 Jahre nach ihrem Tod, in die Welt gesetzt. Und hält sich bis heute.

Am 30. Dezember 1610 drang der königliche Statthalter Palatin Georg Thurzo in Báthorys Räume in Čachtice ein. Er fand dort angeblich eine Frau, die im Sterben lag, und eine andere, die gefoltert wurde, vor. Die ebenfalls anwesende Báthory wurde dafür verantwortlich gemacht, festgenommen und bis zu ihrem Tod 1614 in einen Turm ihrer eigenen Burg gesperrt. Nur über winzige Luken dieses sogenannten Hufeisenturms soll sie laut Legende Kontakt zur Außenwelt gehabt haben. Ihre Helfershelfer wurden zum Tode verurteilt. Möglicherweise war es ein Komplott gegen eine zu einflussreich gewordene Frau. Der Prozess gegen sie beruhte weniger auf Zeugenaussagen denn auf der Wiedergabe von Erzählungen, die man vom Hörensagen kannte. Viele der rund 300 Zeugen sagten unter Druck oder Folter aus. Die Báthory selbst wurde nicht angehört.

Seitdem beschäftigt Báthorys Schicksals Menschen in aller Welt. Ein perfekter Stoff, aus dem spannende Geschichten werden. Über 110 Eintragungen umfasst das Rezeptionsverzeichnis auf Wikipedia. Das Spektrum reicht von Fachbüchern über Belletristik, Dokumentationen, Horror- und Historienfilmen, Theaterstücken, Fotobänden, Hörspielen, TV-Serien bis zu Heavy Metal- und Gothic-Nummern, Opern sowie Manga-Comics. Eine unfassbare Faszinationskraft. Auch in Videospielen wird immer wieder auf sie zurückgegriffen. So ist auch Lady Dimitrescu aus Resident Evil: Village an sie angelehnt – und in Diablo 2 gibt es die Quest Der dunkle Turm, bei der eine böse Gräfin im Blut der Jungfrauen badet.
Seit 1729 (László Turóczi Ungaria suis cum regibus compendio data) wurde der Stoff unzählige Male literarisch verwertet. 1874 erschien die fiktionale Báthory-Novelle Ewige Jugend. 1611 des Österreichers Leopold Sacher-Masoch, der darin die sexuelle und emotionale Lust an Leiden oder Unterordnung thematisiert. Eine Persönlichkeitseigenschaft, die der Psychiater Richard von Krafft-Ebing, Vorstand der Psychiatrischen Klinik in Wien, in Anlehnung an den Namen Sacher-Masoch als Masochismus bezeichnete.

In Anbetracht der obigen Kurzbiographie kannst du dir ausmalen, in wieviele verschiedene Richtungen die künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Elisabeth Báthory gehen. Einmal wird der Horroraspekt, Grausamkeit und Wahn thematisiert; dann der religiöse Konflikt; der Kontrast historischer Belegbarkeit versus Legende; anderswo die Frage, ob sie mehr Opfer eines politischen Machtkampfs denn Monster war; dann wiederum die Gefährdung des Patriarchats durch eine starke Frau; der Aspekt des Jugend- und Schönheitswahns, oder der Dämonisierung weiblicher bzw. lesbischer Erotik. Ein neuer Báthory-Film, voraussichtlich ab Herbst 2026 in den Kinos, ist schon gedreht: Die Blutgräfin, eine Tragikkomödie, geschrieben von Ulrike Ottinger und Elfriede Jelinek, prominent besetzt mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr und Lars Eidinger. In der Ankündigung heißt es “Mit ihrer Raffinesse, Schönheit und ihrem Kalkül schlägt die Blutgräfin alle, die ihr dienen, vor ihr fliehen oder sie verfolgen, in ihren Bann.”

Für National Geographics zählt Čachtice zu den gruseligsten Reisezielen der Welt. Rob Cohens Film Dragonheart wurde zum Teil hier gedreht. Bei Sonnenschein wirkt die Burgruine besonders eindrucksvoll. Sowohl der Burghügel aus hellem Kalkstein, als auch die aus ebensolchem errichteten Mauern, leuchten weiß. Ein Kontrast zu ihrer dunklen Vergangenheit. Heute wird die einstige Burg Stück für Stück repariert. Ihre internationale Anziehungskraft brachte japanische Investoren auf die Geschäftsidee, sie zu kaufen und vollständig zu rekonstruieren.
Von slowakischer Seite wurde dies ausgeschlagen. Zum Glück wird die Ruine lediglich sanft saniert – um dir als Besucher mehr Trittsicherheit zu geben und um Aussichtsplattformen zu errichten. Denn von hier aus bietet sich ein herrlicher Rundblick in das Waag-Tal (Považie), zu den Kleinen Karpaten und weiteren Teilen der Westkarpaten. Um in den inneren Bereich der Ruine zu gelangen wird heute ein Eintritt verlangt. Am eindrucksvollsten ist dennoch die Außenwirkung: Teile der Ringmauern, Wehrtürme, der Palas- und Wohntrakte sind noch erhalten.

Der Schächtitzer Burghügel, der im nordöstlichen Randbereich der Kleinen Karpaten liegt, steht unter Naturschutz. Er schafft mit seinem Kalk-Dolomitgestein und seiner steppenartigen Landschaft, die in der Slowakei selten ist, eine eigene Atmosphäre. Hier wächst Wacholder (borievka=Wacholderbeere). Obwohl Wacholder in den Karpaten seltener anzutreffen ist als in der Steiermark oder in Kärnten, gilt der Wacholderschnaps, auf slowakisch Borovička, insbesondere jener aus der hiesigen Region Trenčín (unter dem Namen Juniperus), als Nationalgetränk der Slowakei. Borovička ist eine von der EU geschützte Marke und darf nur in der Slowakei hergestellt werden.

Das im Ort Čachtice liegende Herrenhaus, in dem die Báthory bei frischer Tat ertappt worden sein soll, steht nicht mehr. Zu besichtigen ist dort aber das Herrenhaus Draškovič aus der Spätrenaissance, 2024 restauriert, mit einem Café. Und einem Ausstellungsbereich zur Geschichte des Herrenhauses, mit archäologische Funden von der Burg sowie Exponaten zum Leben der Báthory und der Legendenbildung. Die Ortskirche, auf massiven Mauern erhöht stehend, ist vermutlich die letzte Ruhestätte Elisabeth Báthorys.

Ein Besuch von Čachtice lässt sich prima mit einem Abstecher hinunter in das breite Waagtal (Považie), nach Piešťany (deutsch Pistian, ungarisch Pöstyény), dem größten slowakischen Kurort, verbinden. Das klassizistische Napoleonbad (Napoleonské kúpele) zeugt von der langen Tradition als eines der bekanntesten Rheumabäder Europas. In Wien war Pistian jedem ein Begriff. Ludwig van Beethoven, Alfons Mucha, Kaiserin Elisabeth, Jaroslav Hašek, Richard Tauber und Kaiser Wilhelm II. waren hier zur Kur.

Heute dominieren – neben den Hotels aus kommunistischer Zeit wie Ensana Esplanade oder Ensana Splendid, sowie den Gründerzeitbauten des Kursalons (heute Kurbadmuseum / Balneologické múzeum) und des brachliegenden Grand Hotels Royal – die in prachtvollem Wiener Jugendstil erbauten Kurhotels Thermia Palace und Irma, die auf die Initiative des Generalpächters Alexander Winter zurückgehen. Sie geben dir einen Eindruck davon, wie das Grandhotel Panhans oder das Südbahnhotel, zur gleichen Zeit am Semmering entstanden, aussehen könnten. So sie die Zeiten ähnlich gut überstanden hätten wie die top sanierten Häuser in Piešťany.

All diese Hotels und Kuranlagen findest du auf der inmitten der Waag (Váh) gelegenene Kurinsel (Kúpeľný ostrov). Wenn du von der Innenstadt kommst, erreichst du sie zu Fuß über die einzigartige Kolonnadenbrücke (Kolonádový most). Das bekannteste Meisterwerk des slowakischen Architekten Emil Belluš, vom österreichischen Architekturhistoriker Friedrich Achleitner aufgrund seiner Verbindung von Stahlbeton und malerischer Flusslandschaft als “geniale architektonische Tat der Zwanziger Jahre” bezeichnet.

Wer Lust auf eine Ausflugsfahrt per Schiff hat, kann vom Brückenkopf der Zentrumsseite aus mit einem Katamaran der Sĺňavská plavba Piešťany (Bootsfahrten Pistian) in See stechen. Du fährst dann gemächlich auf dem Waag-Stauseee Sĺňava (vodná nádrž Sĺňava). Sĺňava ist der Sonnenschein. Das verheißt dir schon, dass du dank des hier zur Donautiefebene offenen Waagtals (Považie) pannonische Sonne tanken kannst.
Ebenfalls beim westlichen Brückenaufgang findest du das Wahrzeichen Piešťanys: die überlebensgroße Bronze Krückenbrecher (Barlolámač) von 1933 des in Wien verstorbenen Preßburgers Robert Kühmayer. Ein Stück nördlich davon liegt der Dom umenia (Haus der Künste) von 1979, ein herausragender Bau des Brutalismus.

Wenn du in der Gegend um Čachtice unterwegs bist, so wirst du unentwegt auf Hinweisschilder nach Mohyla stoßen und dich fragen, warum keine Ortschaft diesen Namen trägt. Mohyla heißt übersetzt Grabhügel. Und jeder Slowake weiß, dass damit nur der Grabhügel des mythischen Gründervaters der modernen Slowakei, Milan Rastislav Štefánik, gemeint sein kann. Einen vergleichbaren Ort gibt es in Österreich nicht. Daher ist sein Besuch am Hin- oder Rückweg von Čachtice sehr zu empfehlen.

Štefánik wurde 1880 in Košariská, einer kleinen Ortschaft etwa 20 Kilometer Luftlinie von Čachtice entfernt, geboren. In seinem Geburtshaus ist seit 1990 das SNM Múzeum M.R. Štefánika v Košariskách, das zum SNM Slowakischen Nationalmuseum (SNM Slovenské národné múzeum) gehört, untergebracht. Das Gründungsjahr 1990 ist kein Zufall. Vor der Samtenen Revolution (nežná revolúcia) wurde die Erinnerung an Štefánik von der kommunistischen Diktatur unterdrückt. Sogar eine Abtragung seines Grabmals wurde angedacht. Štefánik galt als bürgerlich, demokratisch und antikommunistisch.

Heute steht das Grabmal von Milan Rastislav Štefánik in bestens restaurierten Zustand und wie von seinem slowakischen Architekten Dušan Jurkovič 1927/28 beabsichtigt symbolisch-monumental und die Landschaft dominierend auf dem Berg Bradlo, dem Hausberg von Štefániks Geburtsort. In seiner Funktion und Erscheinung in Zentraleuropa einzigartig.
Jurkovič schuf eine Gedenkstätte, die wie aus der Landschaft herausgewachsen erscheint. Klassisch geformt, doch sichtbar vom Kubismus inspiriert, massiv, streng symmetrisch, in grobem weißen Stein – errichtet dem großen Sohn des befreiten tschechoslowakischen Volkes (Veľkému synovi oslobodený národ československý). Eine Gedenkstätte, die sichtlich beeindrucken möchte und es auch tut. Auch hier genießt du wieder eine weite Aussicht, die im Westen bis zu den österreichischen Alpen reicht.

Die Tschechoslowakei, die am 28. Oktober 1918 als unabhängiger demokratischer Nachfolgestaat der zusammengebrochenen Monarchie Österreich-Ungarn ausgerufen wurde, hatte drei Gründerväter. Sie hatten bereits 1916 den Tschechoslowakischen Nationalrat als Widerstandsbewegung der Tschechen und Slowaken gegen die Habsburger gegründet: der am Wiener Akademischen Gymnasium ausgebildete und an der Wiener Universität promovierte Mährer Tomáš Garrigue Masaryk, der später durch die Beneš-Dekrete bekannte Böhme Edvard Beneš und der Slowake Milan Rastislav Štefánik.

Milan Štefánik kam 1880 zur Welt, studierte Astronomie, reiste nach seinem Studium zur astronomischen Beobachtung bis nach Neuseeland und den Galapagos-Inseln, wurde Pilot und kam zum Ruf eines Abenteurers und Bonvivants. In Prag lernte er den 30 Jahre älteren Tomáš Masaryk, damals Universitätsprofessor, kennen. Politisch traten beide für eine größere Selbständigkeit der Tschechen und Slowaken ein. Mit gewissen Unterschieden. Masaryk forderte im Verband der Monarchie eine demokratische Gleichberechtigung der Nationen. Štefánik dachte nicht gleich an Demokratie, sondern eine gelenkte Übergangszeit bis dahin, war kein Anhänger des Frauenwahlrechts und spintisierte sogar nach dem Vorbild Israels von einer Übersiedlung der Slowaken – weg von der ungarischen Herrschaft – nach Tahiti. Der slowakische Autor und Journalist Michal Hvorecký hat diesen Gedanken 2021 in seinem Fantasieroman Tahiti Utopia spannend weitergesponnen. Unter der Annahme, dass es nicht zum tragischen Unfall gekommen wäre, der zur Errichtung des Mausoleums auf dem Bradlo führte.
Am 4. Mai 1919, wenige Monate nach Errichtung der Tschechoslowakei, flog Milan Štefánik, Kriegsminister der provisorischen Regierung, von Verhandlungen in Udine nach Bratislava zurück. Mit an Bord des italienischen Viersitzer-Doppeldeckers waren drei Italiener. Beim Landeanflug stürzte die Maschine ab. Alle vier Passagiere starben. Bis heute wird gerätselt, ob die Maschine von einer tschechoslowakischen Flugabwehrkanone abgeschossen wurde. Die Tschechoslowakei lag damals im Konflikt mit Ungarn. Das Flugzeugs trug die italienischen Farben Grün, Weiß, Rot senkrecht. Die ungarische Fahne hat die Farben Rot, Weiß, Grün waagrecht. Wieder ein für Mythenbildung wie geschaffener Stoff. Štefánik wurde für die Slowakei zu einer Integrationsfigur und einem Nationalhelden samt siebeneinhalb Meter hoher Statue vor dem Nationaltheater in Bratislava.

Als Österreicher wird dir hier in Erinnerung gerufen, dass die Habsburgermonarchie nicht nur Freunde hatte. Als Hexe Österreich (Ježibaba Austria) wurde sie nach ihrem Zusammenbruch von vielen bezeichnet. Und die Sympathien vieler Länder sind historisch auf der Seite ihrer Nachfolgestaaten wie der Tschechoslowakei. In Washington D.C. steht eine große, sehr bekannte Statue von Masaryk. Ein vergleichbares Denkmal für einen Österreicher gibt es in der US-Hauptstadt nicht.
So du den Weg über Hohenau nimmst, fährst du durch jene Gegend zwischen den Geburtsorten von Masaryk, Hodonín (Göding), und Štefánik, Košariská, die eine Art Keimzelle der Ersten Tschechoslowakischen Republik war. Wieder ein Mythos: hier lag auch das Kernland des Mährerreichs im 9. Jahrhundert, Vorbild der Patrioten. Du durchfährst das Záhorie (Windische Marchauen), dessen nördlichen Teil wir dir hier in Teil 2 unserer Grenzgänger-Serie “Ein Stück Sahara im Marchfeld” vorgestellt haben. Bei Hohenau kannst du über die March (Morava), die etwa zu 80% die Grenze zwischen Österreich und der Slowakei bildet, fahren.

Bei Hohenau verbindet eine Behelfsbrücke, die mit Ampelschaltung abwechselnd in nur einer Richtung befahrbar ist, die beiden Staaten. Eine Erinnerung daran, wie viele Brücken zu unseren Nachbarn im wahrsten Sinn des Wortes abgetragen wurden. Die bekanntesten, heute nicht mehr existierenden Straßenbrücken (nicht ausschließlich zu Fuß oder mit dem Rad benutzbar) über die March waren Angern/Congr-Záhorská Ves/Ungeraiden (1870-1945), Markthof-Devínska Nová Ves/Theben-Neudorf (1771-74), Dürnkrut/Suché Kruty-Gajary/Gayring (1771-1950) und Schloss Hof (1771-1880). Es sind längst nicht alle Wunden der Vergangenheit verheilt.

In Čachtice (Schächtitz) stehen die beeindruckenden Überreste der Burg der Blutgräfin Elisabeth Báthory. Eine international bekannte Destination in attraktiver Lage. In der Nähe liegen Piešťany (Pistian), der größte Kurort der Slowakei mit Jugendstil-Grandhotels, und der monumentale Grabhügel des slowakischen Nationalhelden Milan Štefánik aus den späten 1920er Jahren auf dem Bradlo. Drei spannende Ausflugsziele, die von Wien aus in einem Tagestrip erreichbar sind.
Hier findest du Martins weitere Grenzgänger-Ausflugstipps
Kurzvideo von Čachtice und Štefánik-Monument hier auf Instagram oder hier auf TikTok.
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Elisabeth Báthory besaß Schlösser, Herrschaftshäuser und Burgen. Ein kurze Übersicht über die neben Burg Čachtice, ihrer Lieblingsburg und Sommerresidenz, bedeutendsten Orte ihres Lebens:

Alle weiteren Grenzgänger-Tipps unserer beliebten Serie:
1: Pálava – Tschechiens Zauberberge
2: Oberes Záhorie – eine Wüste im Marchfeld
3: Teschen – die geteilte Stadt
4: Böhmisch Kanada – Grenz-geniale Ausflüge
5: Burgruine Devín – wo Donau und March spektakulär zusammenfließen
6: Zlín – Magie einer utopischen Stadt
7: Brünn – wo Weihnachten daham is
8: Danubiana – Modern Art in grandioser Kulisse
9: Győr: alle Tipps für die Bilderbuch-Stadt am Wasser
10: Ják, Steinamanger, Güns – Zeitreise mit Charme
11: Znaim – Königsstadt über der Thaya
12: Lavendel in Mähren: Lila bis zum Horizont
13: Vranov – das ungewöhnliche Felsenschloss
14: Stausee Vranov “Die Adria der Tschechen”
15: Valtice – im Zaubergarten der Liechtensteiner
16: Lednice – Riesenpark mit orientalischem Touch
17: Hévíz – weltgrößter Thermalsee und Tropenflair
18: Bratislava zu Weihnachten: Pracht und Genuss
19: Wasserspeicher Brünn – Kathedralen der Unterwelt
Alle Fotos: (c) heldenderfreizeit.com
Der erfahrene Kulturjournalist (ehemals Bühne, Wien exklusiv, Stil Ikonen usw.) berichtet bei den Helden der Freizeit über Ausflugsziele rund um Wien, Ausstellungen und vieles mehr.