Veranstaltungsgelände, Kommunikationszentrum, eine Stadtoase, ein Jugendzentrum, ein Ort des Widerstandes, geile Partylocation und Open-Air-Bühne? Wenn man in Wien zehn Leute fragt: „Was ist die Arena?“, wird man zehn verschiedene Antworten bekommen. Die Arena in Wien ist aber all das und hat jetzt ihren 50. Geburtstag gefeiert. Ein neues Buch und eine Ausstellung bieten interessante Einblicke in ihre Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Wir haben mit den Protagonisten gesprochen und für euch erstaunliche Facts zu dieser Kultlocation zusammengetragen, deren Betreiber bis heute ohne Mietvertrag und Miete um den Erhalt kämpfen. Schau dir dazu auch hier unser Video auf Instagram oder hier auf TikTok an. Am Ende des Artikels findest du noch eine Playlist mit 101 Bands, die in der Arena gespielt haben.
von Christian Orou und Verena Fink, 27. 6. 2026
Der Beginn der Arena-Geschichte hat ein wenig von einem Nestroy-Stück. Es gibt einen überheblichen Kapitalisten, willfährige Politiker, eine mütterliche Stadträtin, die aufmüpfigen Künstler:innen und die nicht gleich einordenbaren Bürger:innen. Am Anfang der Arena stand eine Reihe der Wiener Festwochen, die sich mit Avantgarde und zeitgenössischer Musik beschäftigte. Das Programm sollte vor allem ein junges Publikum bedienen. Als Veranstaltungsort wurde 1976 ein stillgelegtes Industriegelände gewählt. Der Schlachthof St. Marx wurde im Vorfeld an den Erben einer österreichischen Modekette zu sehr günstigen Konditionen verkauft, nach der letzten Aufführung sollte der Abriss beginnen.

Auf dem Programm der Arena 76, so der Titel der Festwochenreihe, standen unter anderem die Proletenpassion der Schmetterlinge. Das Stück kehrte Jahrzehnte später in einer neuen Interpretation von und mit Gustav wieder in die Arena zurück, und ein Musical der Band Misthaufen mit dem Titel Schabernack. Geplant war, dass nach der letzten Schabernack-Aufführung die Leute nach Hause gehen, damit die Abbrucharbeiten am Schlachthofgelände am nächsten Tag beginnen können. Nur die Leute gingen nicht nach Hause, im Gegenteil, sie wurden immer mehr. Und wurde mit der Hausbesetzung am 27. Juni 1976, also genau vor 50 Jahren, Geschichte geschrieben.
Wie ein Lauffeuer sprach es sich herum und aus ganz Wien kamen Menschen nach Erdberg, um sich einen neuen Freiraum zu erobern. Gerechnet wurde damit, dass der Spuk am nächsten Morgen vorbei wäre, aber aus einer Nacht wurden zuerst sechs Wochen. Jetzt sind wir beim 50jährigen Jubiläum angelangt.
Auf dem Gelände entwickelte sich eine kleine Stadt, die Platz für alle Menschen und für jede Subkultur hatte. Rocker richteten sich neben Punks ein, Frauen schufen sich unabhängige Räume, Zöglinge aus den streng geführten Kinder- und Jugendheimen fanden den Weg in die Arena. Ein Café wurde eröffnet. Selbstverwaltung war den Besetzer:innen wichtig, alle Stimmen hatten dasselbe Gewicht. So dauerten die Vollversammlungen nicht selten ein paar Stunden. Es entstand ein Biotop, in dem viele Dinge möglich waren. Es gab Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen. Unzählige Künstler:innen unterstützten die Idee.

Wer Genaueres wissen will, sollte unbedingt einen Blick in das neue Buch Die Arena – eine Wiener Geschichte werfen. Die Autorin Constanze C. Czutta, die auch eine Ausstellung in der Community Gallery im Wien Museum zum Jubiläum der Arena kuratierte, die noch bis Ende September zu sehen ist, arbeitet seit 14 Jahren an diesem Buchprojekt. Sie stöberte durch Zeitungsarchive, nahm Kontakt zu unzähligen Protagonist:innen auf und arbeitete sich durch die Archive der Arena. Heraus kam ein umfassendes Werk, das zeitlich nicht erst bei der Besetzung einsetzt.
Die Stadt Wien verlangt übrigens bis heute keine Miete, kann das Arenateam dafür jederzeit vor die Türe setzen. Ein Umstand, der bis heute wie ein Damoklesschwert über der Arena hängt. Der Bezirksvorsteher des dritten Bezirks Erich Hohenberger erklärte bei der Buchpräsentation in der Arena: „Ich habe als Bezirksvorsteher noch ein großes Ziel: Ich werde alles dafür tun, damit die Arena einen Mietvertrag bekommt.“
Nachdem das neue Gelände übernommen wurde, begannen der Umbau und die Adaption der neuen Arena. Klar war, dass die Vielfalt, die auf dem alten Schlachthof ihren Platz gefunden hat, in der neuen Arena nicht mehr möglich war. Bald kristallisierte sich heraus, dass ein wichtiger Puzzlestein Musik sein könnte. Es gab in Wien Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre kaum leistbare Proberäume und keine Auftrittsmöglichkeiten für junge, kaum bekannte Bands. Auch internationale Acts, die für die Stadthalle zu klein und das Konzerthaus zu nobel waren, hatten mit der Errichtung der großen Halle eine neue Location.

Was macht den Reiz der Arena aus? Vielleicht, dass viele Menschen, die in Wien aufgewachsen sind und heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, spezielle Momente mit ihr verbinden. Heuer beim Nova Rock zum Beispiel ergab eine nicht repräsentative Umfrage, dass viele Geschichten erst erzählt werden, wenn absolute Anonymität zugesichert wird. Die meisten Geschichten drehen sich um den Austausch von Zärtlichkeiten (erster Kuss und ein bissl mehr) auf einer angeblich legendären Stiege. Wer wissen will, wer wann mit wem, wird sich wohl die Mühe machen müssen und selbst recherchieren.
Was war der schönste Moment der aktuellen Vereinsvorsitzenden Petra Ruckerdorfer in der Arena? „Da gibt es sehr, sehr viele.“ sagt sie in einem Gespräch auf der Buchpräsentation. „Der Moment, mit dem alles angefangen hat, war sicher der Moshpit bei der Deconstruction Tour. Ich wurde wie von einer magischen Hand hineingezogen und nicht mehr losgelassen. Ich habe mich sofort in alles hier verliebt, in jeden Winkel, in jeden Raum.“ Das Bild vom Moshpit sieht ihr Stellvertreter Laurenz Platzer auch als Metapher für die Arena: „Auch mich hat die Arena hineingezogen und nicht mehr losgelassen. Schon als Kind ist mir das Gebäude aufgefallen, als wir jeden Freitag auf die Tangente aufgefahren sind.“
Große Acts und ausverkaufte Open Air Shows finanzieren unter anderem nicht nur die Arbeitsplätze in der Arena. Alle Leute, die hier arbeiten, sind engagiert und haben eine große Portion Idealismus. Aber wie steht es so schön im Buch? Idealismus kann man nicht essen und so kämpft Petra Ruckendorfer um jeden Arbeitsplatz. Wie soll es weitergehen? „Erhalten bleiben um jeden Preis! Das ist für uns alle hier in der Arena unser Fokus.“ sagt sie, „Mir ist es wichtig, dass wir uns unsere Leute weiter leisten können. Es wäre schön, wenn die Subvention nicht noch weniger wird.“ Derzeit trägt die öffentliche Hand rund 5 Prozent zum Budget bei.

Dank der Hilfe von Bezirksvorsteher Hohenberger steht die Stadt Wien noch immer hinter der Arena. Es gibt Verhandlungen, aber noch sind die Verträge nicht unterschrieben. „Wir bangen immer“, sagt die Obfrau. „Es kommen immer Katastrophen auf uns zu. Manche Woche läuft es rund, die Woche darauf stürzt alles zusammen. Zum Beispiel hätte uns die Anwohnerbeschwerde fast den Kopf gekostet.“ Die Bewohner:innen der neuen Wohntürme in der Nähe hatten 2023 über Lärmbelästigung geklagt. Die Sache wurde mit einer neuen Soundanlage und Nachjustierung bei der Sperrstunde gelöst.
Auf die Frage nach dem Act, den sie gerne noch hier sehen möchte, ist Ruckendorfer vorsichtig: „Leonard Cohen sollte zum 40. Geburtstag in der Arena spielen, er war schon fix gebucht. Leider ist er knapp vor der Veröffentlichung des Gastspieles gestorben. Eine Katastrophe. Aber Katastrophen erschüttern uns nur kurz und bringen uns nicht um.“

Und was kann man tun, um die Arena zu unterstützen? „Zum Beispiel, die Karten nicht bei einem großen Ticketanbieter kaufen, sondern direkt bei uns auf der Homepage.“ erklärt Laurenz Platzer vom Trägerverein. Petra Ruckendorfer ergänzt: „Auf alle Fälle herkommen und das tolle Ambiente genießen. Und vielleicht an einer Führung teilnehmen, um die Arena einmal aus einer andren Perspektive kennen zu lernen.“
Wer mehr über die Arena wissen will, hat drei Möglichkeiten: Man kann sich bei der Buchhandlung des Vertrauens das Buch Die Arena – eine Wiener Geschichte kaufen. Oder man besucht bis September die kostenlose Ausstellung Arena Wien – Jedenfalls ist es Liebe! in der Community Gallery im Wien Museum am Karlsplatz. Die dritte Möglichkeit: man hört in unsere Playlist (siehe unten) hinein. Hier findet man eine willkürliche Zusammenstellung von Bands, die bereits hier gespielt haben. Manche sind sehr bekannt, manche ein Geheimtipp und manche vielleicht nur eine ganz persönliche Erinnerung.
Das Buch:
Constanze C. Czutta
Die Arena – eine Wiener Geschichte
Falter Verlag, 2026
200 Seiten
ISBN 978-3-99166-038-5
Die Ausstellung:
Arena Wien – Jedenfalls ist es Liebe!
Wien Museum
Karlsplatz 8
1040 Wien
Noch bis 27.9.2026, Eintritt frei
Arena 50 Jahre Besetzung – WIEN MUSEUM
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Aufmacherfoto: (c) Christian Orou
Der Chefredakteur der Wiener Alszeilen verfasst für heldenderfreizeit.com Buch-, Musik- und Spiel-Rezensionen, ist Video-Redakteur von CU TV und schreibt für das Musikmagazin Stark!Strom. Dazu berichtet er von Konzerten, Sport- und anderen Kulturevents und führt Interviews mit Stars und spannenden Persönlichkeiten.
