Schwarzer Humor, verstörend und doch auch schön. Ludwig Hirsch erzählt in seinen Songs Geschichten, die bis heute unter die Haut gehen: Wir präsentieren seine größten Meisterwerke in einem natürlich subjektiven Top10-Ranking, blicken auf die Bedeutung hinter den Liedern, ordnen sie in ihre Entstehung ein und werfen auch einen Blick auf die aktuelle Debatte rund um Spuck den Schnuller aus. Plus: 10 weitere Songperlen, die in keiner Hirsch-Playlist fehlen dürfen.
von Patrick Meerwald
Ein virales Video hat Ludwig Hirsch im Sommer 2026 unerwartet zurück in eine breite Austropop-Debatte geholt. Die Musikerin Rahel kritisierte darin (nachzusehen gibt es das Video hier) unter anderem Spuck den Schnuller aus und warf dem Sänger in dem Lied vor, Pädophilie zu zelebrieren. Seither wird nicht nur über diesen einen Song gestritten, sondern über die Frage, wie Texte aus einer anderen Zeit heute gehört werden sollen, wie weit Rollenrede reichen darf und ob eine verstörende Darstellung bereits eine Verherrlichung ihres Gegenstands bedeutet.
Hirschs Figuren sprechen häufig selbst: Täter, Außenseiter, Tote, Mitläufer, Gewalttätige und Menschen, die sich ihre eigene Grausamkeit schönreden. Ihre Aussagen sind nicht automatisch die Haltung des Autors. Vielmehr machte Hirsch gerade jene Stimmen hörbar, die sich hinter Normalität, freundlichem Ton oder gesellschaftlichen Ritualen verstecken. Das Grauen erscheint bei ihm nicht mit Warnschild. Es sitzt im Kinderzimmer, am Küchentisch, im Wirtshaus, auf einer Beerdigung oder in einem scheinbar hilfsbereiten Gespräch. Diese Form der Schauergeschichte ist eines seiner wichtigsten Stilmittel. Hirsch greift vertraute Situationen auf und verschiebt sie Schritt für Schritt, bis sichtbar wird, was unter der Oberfläche liegt: Dabei trifft eine oft sanfte, eingängige oder beinahe gemütliche Musik auf Texte, die genau diese Sicherheit zerstören. Der Widerspruch ist kein Versehen, sondern Teil ihrer Wirkung.
Das bedeutet nicht, dass jeder künstlerische Zugriff automatisch gelungen oder über Kritik erhaben wäre. Historischer Kontext erklärt ein Werk, er entschuldigt nicht jede Wirkung. Ebenso wichtig bleibt aber die Unterscheidung zwischen Darstellung und Zustimmung. Wer Hirschs Lieder im Zusammenhang hört, begegnet einem Erzähler, der sein Publikum immer wieder dorthin führt, wo die Gesellschaft lieber wegschaut.
Die aktuelle Kontroverse bietet daher auch eine Chance. Viele hören Ludwig Hirsch gerade zum ersten Mal, andere kehren nach Jahren zu seinen Liedern zurück. Unser Ranking der besten Ludwig Hirsch Songs nähert sich seinem Werk weder mit blinder Verehrung noch mit vorschneller Verurteilung. Es versammelt 20 Songs, in denen seine ganze Bandbreite sichtbar wird: der schwarze Humor, die genaue Beobachtung, die Zärtlichkeit, die Wut und jene dunkelgrauen Geschichten, die auch Jahrzehnte später niemanden gleichgültig lassen.
Während viele von Ludwig Hirschs Songs von konkreten Figuren und alltäglichen Schicksalen erzählen, verlässt er bei 1928 den vertrauten Rahmen und entwirft eine beinahe surreal wirkende Zukunftsvision. Die Geschichte im Lied entwickelt sich leise und beinahe beiläufig. Die Hoffnung auf Rettung existiert zwar, kommt jedoch zu spät. Bis heute trägt auch der rätselhafte Titel zur anhaltenden Faszination des Songs bei. Warum ausgerechnet „1928“? Hirsch liefert keine Erklärung – und genau diese Offenheit lädt bis heute dazu ein, immer neue Deutungen zu entwickeln. Es ist eines jener Lieder, das seine Wirkung daraus bezieht, dass es Fragen offenlässt und die Fantasie seiner Hörer:innen challenged.
Album: Komm großer schwarzer Vogel | Erschienen: 1979
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Mehr InformationenHerbert ist weit mehr als ein Lied über eine gescheiterte Beziehung. Ludwig Hirsch nutzt das Thema einer Trennung vielmehr, um die Unsicherheit einer Gesellschaft sichtbar zu machen, die Ende der 1970er-Jahre mit Homosexualität häufig noch überfordert war. Der Erzähler möchte Verständnis zeigen und beweisen, dass er „kein Problem damit“ hat – und offenbart dabei durch seine Wortwahl und seine ständigen Erklärungsversuche die eigenen Vorurteile und Unsicherheiten. Er redet ununterbrochen, stellt Fragen, beantwortet sie oft gleich selbst und lässt kaum Raum für die Gefühle seines Gegenübers. Alles wird durch die eigene Sichtweise gefiltert, bis selbst Herberts Entscheidung nur noch in das Weltbild des Erzählers passen darf.
Hirsch zeigt, dass die tiefsten Verletzungen nicht zwangsläufig aus Bosheit oder offenem Hass entstehen. Oft sind es gut gemeinte Worte, unbedachte Bemerkungen und das ehrliche Gefühl, alles richtigzumachen, die einen Menschen am meisten treffen können. Dadurch bewegt sich Herbert ständig auf dem schmalen Grat zwischen feiner Komik und stiller Tragik.
Album: Komm großer schwarzer Vogel | Erschienen: 1979
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Mehr InformationenAus einer liebevollen Überraschung entwickelt Ludwig Hirsch eine der makabersten Geschichten seiner Laufbahn. Darin liegt die große Stärke seiner Erzählkunst: Selbst die absurdesten Ideen wirken bei ihm zunächst völlig harmlos, beinahe charmant, bevor sich die Handlung unaufhaltsam in eine Tragödie verwandelt. In Das Geburtstagsgeschenk verzichtet Hirsch dabei vollständig auf übertriebene Dramatik. Stattdessen erzählt er die Geschichte mit Gelassenheit, die den späteren Ausgang umso erschütternder wirken lässt. Der schwarze Humor entsteht aus dem Kontrast zwischen einer romantisch gemeinten Geste und ihren fatalen Folgen. Dass man den unausweichlichen Ausgang schon früh erahnt und dennoch bis zum Schluss mitfiebert, spricht für Hirschs außergewöhnliches Gespür für Dramaturgie.
Album: Komm großer schwarzer Vogel | Erschienen: 1979
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Mehr InformationenKinder gelten als Sinnbild für Unschuld, Hoffnung und Mitgefühl – Ludwig Hirsch stellt dieses Bild in einer seiner bissigsten Gesellschaftssatiren konsequent auf den Kopf. Was zunächst wie eine skurrile Geschichte über einen bei einem Militärmanöver überfahrenen Hasen beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer bittersüßen Story mit einer Gesellschaft, die Gewalt als Normalität akzeptiert. Hinter der großen Portion schwarzem Humor verbirgt sich eine überraschend ernste Botschaft. Hirsch unterstreicht, dass Gewalt selten aus dem Nichts entsteht, sondern vorgelebt und weitergegeben wird. Die Verbindung aus Überzeichnung, beißender Satire und gesellschaftlicher Kritik hebt Die gottverdammte Pleite weit über eine makabere Anekdote hinaus. Das Lied gehört zu den politischsten Momenten seines Schaffens.
Album: Komm großer schwarzer Vogel Erschienen: 1979
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Mehr InformationenLudwig Hirsch liebte es alltägliche Ängste und menschliche Abgründe konsequent als Balladen zu vertonen. Auf seinem Debütalbum Dunkelgraue Lieder zeigt sich diese Handschrift besonders deutlich – exemplarisch ist definitiv Der Dorftrottel. Statt auf spektakulären Horror zu setzen, entwickelt Hirsch eine beklemmende Geschichte aus etwas erschreckend Menschlichem: Angst, Gerüchte und die Suche nach einem Schuldigen. Vor dem Hintergrund der späten 1970er-Jahre, als Autoritäten, Traditionen und gesellschaftliche Strukturen zunehmend hinterfragt wurden, wirkt die Erzählung bis heute erstaunlich zeitlos. Beeindruckend ist vor allem Hirschs Zurückhaltung. Er verzichtet auf einen erhobenen Zeigefinger und überlässt die moralische Bewertung vollständig seinen Hörerinnen und Hörern. Diese nüchterne Erzählweise macht die Geschichte so eindringlich.
Album: Dunkelgraue Lieder | Erschienen: 1978
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Mehr InformationenInnerhalb von Ludwig Hirschs Gesamtwerk nimmt I lieg am Ruckn eine besondere Stellung ein. Das Lied lebt von seiner Atmosphäre und seiner Fähigkeit, Gedanken anzustoßen, statt Antworten zu liefern. Bemerkenswert ist zudem, wie viel Raum Hirsch seinem Publikum zur eigenen Interpretation lässt. Während viele seiner bekannten Balladen einer klaren Handlung folgen und von Explizität leben, entfaltet I lieg am Ruckn seine Wirkung vor allem durch das, was zwischen den Zeilen bleibt. Der Tod erscheint in diesem Lied als Ausgangslage, aus der heraus über das Leben nachgedacht wird. Dieser Perspektivwechsel verleiht dem Lied eine außergewöhnliche Ruhe.
Charakteristisch für Hirsch ist außerdem, dass selbst in einem derart existenziellen Lied Platz für feine Ironie und seinen speziellen Humor bleibt. Zwischen den nachdenklichen Momenten blitzen immer wieder Beobachtungen auf, die den Tod entmystifizieren und ihn beinahe alltäglich erscheinen lassen. Diese ungewöhnliche Balance zwischen Melancholie, trockenem Schmäh und philosophischer Betrachtung gehört zu den großen Stärken des Songs und zeigt, wie vielseitig Hirsch als Erzähler war.
Album: Dunkelgraue Lieder | Erschienen: 1978
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Mehr InformationenDie aktuelle Diskussion um Spuck den Schnuller aus zeigt, wie unterschiedlich Kunst gelesen werden kann. Die österreichische Sängerin Rahel wirft Hirsch vor, damit Pädophilie zu zelebrieren. Irritation über den Text ist grundsätzlich nachvollziehbar. Hirsch verzichtet bewusst auf eine kommentierende Gegenstimme. Gleichzeitig greift es zu kurz, daraus automatisch eine Zustimmung des Autors abzuleiten. Wie schon an anderen Stellen von Dunkelgraue Lieder spricht auch hier eine Figur – nicht Ludwig Hirsch selbst. Die meisten sehen im Lied eher eine rabenschwarze Satire und Gesellschaftskritik, die frühe Sexualisierung anprangert.
So findet es die ehemalige Skirennläuferin und Missbrauchsaufdeckerin Nicola Werdenigg “fahrlässig eine paradoxe künstlerische Intervention als persönliches Bekennerlied misszuverstehen”. Für sie machte Hirsch bereits Ende der 1970er-Jahre hörbar, wie Täter sprechen und manipulieren (ein Beispiel dafür ist Herr Haslinger) – zu einer Zeit, in der sexualisierte Gewalt gegen Kinder gesellschaftlich weit häufiger verdrängt oder verschwiegen wurde als heute. In Spuck den Schnuller aus sieht sie “eine radikale Abrechnung mit einer Gesellschaft, die Unschuld sexualisierte und Tabus lieber verdrängte, als sie zu benennen”. Sicher ist, dass das Lied auch fast fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung noch Diskussionen auslöst, die weit über Musik hinausreichen. Es zwingt dazu, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Kunst Gewalt darstellen kann, ohne sie zu verherrlichen – und bietet die Möglichkeit generationenübergreifend über Idole von einst zu diskutieren.
Album: Dunkelgraue Lieder | Erschienen: 1978
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Mehr InformationenZwischen all den düsteren Balladen, makaberen Geschichten und unbequemen Figuren wirkt Gel’, du magst mi beinahe wie ein Gegenentwurf. Wo viele seiner bekanntesten Lieder von Tod, Einsamkeit oder menschlichen Abgründen erzählen, richtet sich der Blick hier erst auf die vorsichtige Hoffnung, von einem anderen Menschen angenommen zu werden. Vielleicht ist es genau diese Zurückhaltung, die den Song bis heute zu einem seiner beliebtesten Lieder macht. Hirsch verzichtet auf große Liebesbekundungen und romantischen Pathos. Stattdessen beschreibt er die Unsicherheit, die wohl fast jeder Mensch kennt: den Wunsch nach Nähe, ohne zu wissen, ob die eigenen Gefühle erwidert werden. Als seine erste Nummer-eins-Single in Österreich machte dieser Titel Ludwig Hirsch einem deutlich breiteren Publikum bekannt.
Album: Bis ins Herz | Erschienen: 1983
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Mehr InformationenDie Omama gehört zu jenen Liedern, die Ludwig Hirsch endgültig als unbequemen Beobachter des österreichischen Alltags etablierten. Hinter der Geschichte einer Beerdigung verbirgt sich weit mehr als eine Familienerinnerung. Hirsch greift ein Thema auf, das im Österreich der Nachkriegszeit vielerorts noch lieber verschwiegen als offen angesprochen wurde: den Umgang mit der NS-Vergangenheit innerhalb der eigenen Familie. Dabei verzichtet er auf Anklage oder moralische Belehrung. Stattdessen prallen die beschönigenden Worte des Pfarrers auf die Erinnerungen des Enkels – zwei völlig unterschiedliche Bilder derselben Person. Diese Gegenüberstellung macht den Song sehr eindringlich und erklärt, warum Die Omama bis heute zu den wichtigsten gesellschaftskritischen Liedern des Austropop zählt. Auf Platz 2 stellen wir es nicht nur wegen seiner erzählerischen Qualität, sondern weil es beispielhaft zeigt, wie Ludwig Hirsch unbequeme Themen aufgriff, ohne seinem Publikum fertige Antworten zu liefern.
Album: Dunkelgraue Lieder | Erschienen: 1978
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Mehr InformationenGegen Ende seiner Karriere sagte Ludwig Hirsch einmal ziemlich entrüstet, er habe nicht verstanden, warum ausgerechnet Komm großer schwarzer Vogel oft als düster oder morbid wahrgenommen wird. Für ihn selbst war das Lied ein tröstlicher Gedanke – die Vorstellung, dass der Tod einen leidenden Menschen nicht erschreckt und stattdessen erlöst. Während viele seiner Lieder das Dunkle im Leben zeigen, richtet unser Platz 1 den Blick auf das, was danach kommen könnte. Die Entstehungsgeschichte – inspiriert von einer schwer verunglückten Freundin Hirschs, die sich den Tod wünschte – verleiht dem Song zusätzliche Tiefe, ohne ihn auf diese Erfahrung zu reduzieren. Musikalisch wie textlich entwickelte sich Komm großer schwarzer Vogel zu Hirschs bekanntestem Werk und für viele zum Inbegriff seines Schaffens. Kaum ein anderes Lied verbindet seine poetische Sprache, seine erzählerische Kraft und seine Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens mit so einer Einzigartigkeit, weshalb es den Spitzenplatz unseres Rankings einnimmt.
Album: Komm großer schwarzer Vogel | Erschienen: 1979
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Aufmacher: (c) KOCH Universal
Der Wiener Journalist und Redakteur ist seit 2016 für die verschiedensten Musik-Stories bei heldenderfreizeit.com verantwortlich, schreibt für diverse Musikfachmedien wie Stark!Strom berichtet dabei über Konzerte, Neuerscheinungen, führt Interviews und erstellt Besten- und Playlisten zu den Top-Liedern von Musikstars.
