Nach langen Jahren der Entwicklungszeit hat das Open-World Monumentalprojekt endlich das Licht der Welt erblickt und muss sich nach all dem Hype den kritischen Augen der Gamer stellen. In einigen Aspekten schneidet Crimson Desert hervorragend ab. An anderen Stellen offenbaren sich Schwächen. Welche das sind, verraten wir euch.
von Peter Huemer, 30. 3. 2026
Crimson Desert aus dem Hause Pearl Abyss ist der große Sprung eines MMO-Entwicklers ins Reich der Singleplayer Open-World. Auf Black Desert folgt Crimson Desert und damit kamen natürlich Ängste, dass klassisches Pay-To-Win und andere MMO-Krankheiten sich ins neue Game einschleichen könnten. Da können wir Entwarnung geben – zumindest, was die schlimmsten Auswüchse betrifft. Bei einem Spiel, das einen weit über 100 Stunden beschäftigt, ist es am zielführendsten, sich die Großen Pro und Cons anzuschauen, jene Aspekte, die einen fanszinieren oder abstoßen könnten.

Als Allererstes schlägt einem als Spieler die bombastische Grafik entgegen. Gräser und Bäume schwingen mit dem Wind, Bäche bahnen sich ihren Weg bergab, Vögel tummeln sich am Ufer. Die Stadt mit ihren verschlungenen Gassen und die Burg erscheinen wie einem Gemälde entrissen. NPC tummeln sich, Haustiere warten darauf, gestreichelt zu werden. Alles gestochen scharf und dynamisch. Dabei ist das Spiel auch noch erstaunlich gut optimiert. Ich hätte damit gerechnet, dass es auf höheren Grafikeinstellungen zu Hängern kommt, aber nein – butterweich. Grafisch ist Crimson Desert das beeindruckendste Spiel Open-World spiel seit Red Dead Redemption 2.
Das Kampfsystem ist zwar genauso überladen wie viele andere Elemente von Crimson Desert, macht aber richtig Spaß. Wenn man einmal die Steuerung beherrscht, fühlt man sich wie ein junger Gott, wenn man sich durch hunderte Banditen schlachtet oder einen Boss umtanzt. Die Waffen sind abwechslungsreich und die Moves allesamt cool. So werden die Schlachten zu einer Mischung aus klassischem Hack-n-Slash mit Souls Einflüssen und Dynasty Warriors. Menschliche Gegner sind Kanonenfutter und die Bosse sind kreativ designt und herausfordernd. Die Präsentation sticht aus der Konkurenz hervor. Selbst wenn man keine Lust hat, alle Combos und Moves einzusetzen, kann man sich gut durchsmashen. Die Kämpfe sind das wahre Highlight von Crimson Desert.

Wie man eine Fantasywelt gestaltet, haben Pearl Abyss mit Black Desert schon gelernt. Alles ist exakt designt, nichts scheint beliebig. Der Kleidung, der Szenerie, den Fraktionen, Staaten, Institutionen wohnt spürbar eine Geschichte inne. Die Welt ist lebendig und entwickelt sich auch im Laufe des Spiels. Dabei bedient sich Crimson Desert aller bekannter Stilmittel klassischer Mittelalterfantasie, ohne je zu standardisiert zu wirken. Darüber gestreut sind die Streusel asiatischen Einflusses, mythologische Happen, die das Bekannte spannender machen. Die koreanische Perspektive ist spürbar und bereichert die Spielwelt. Perfekt für eine reiche Open-World, obwohl einem mitreißenden Narrativ nicht unbedingt zuträglich.

Wo die Welt das Gefühl von Freiheit vermittelt, ist die Story zerfranst unkonzentriert und lieblos präsentiert. Es ist fast schon beeindruckend, wie glorreich man am Geschichten erzählen scheitern kann. Alle Versatzstücke, die notwendig wären, sind da. Sie wurden aber einfach in den Topf geworfen und zweimal umgerührt. Das Pacing ist mal langsam, wie eine Gletscherwanderung, dann werden Plotpunkte überstürzt zum Fenster hinauserzählt. Es gibt kaum eine Einführung in die Spielwelt, kaum Charakterentwicklung, kaum verständliche Übergänge.
Das Spiel tut so, als wäre es der vierte Teil einer Reihe, über die eh jeder schon alles weiß. Nach 25 Stunden gibt es immer noch Quests, die kaum mehr sind als ein Vorwand, noch ein Tutorial unterzubringen. Die Questbeschreibungen erzählen kaum etwas, erklären aber oft mehr als die Dialoge. Gleich am Anfang gibt es eine Questreihe, die dermaßen schmerzhaft schlecht präsentiert wird, dass man sich angesichts der detailreichen Welt und dem tiefgehenden Gameplay richtig vor den Kopf gestoßen fühlt.
Ein Beispiel: Man kommt in die Stadt und bekommt die Aufgabe, Gerüchten nachzugehen. Stattdessen zwingt einen das Spiel, ein Minispiel zu spielen. Ohne mit irgendjemandem gesprochen zu haben, heißt es plötzlich, man soll einem Bettler, der auf der Karte markiert wird, Geld geben. Dieser steht auf und überreicht einem einen geheimnisvollen Schlüssel. Dann muss man in die Kanalisation, um eine Frau zu retten. Der Spielercharakter bekommt keine Informationen. Stattdessen befielt einem das Questlog den nächsten Schritt. So geht das eine Weile dahin. Lange nimmt der Charakter gar nicht wirklich teil und erhält seine Infos durch das Wissen der Spieler, dabei sollte es umgekehrt sein.

Das Questdesign ist meistens einfach langweilig. Oft folgt man einer Markierung auf der Karte, um dort entweder irgendwelche Zettel zu lesen, irgendeinen Gegenstand aufzuheben, ein paar Gegner zu besiegen oder ein obskures Rätsel zu lösen. Alles meist ohne echten Storykontext. Sehr oft in den ersten 20 Stunden handelt sich um ein Tutorial. Nur selten entwickelt sich so etwas wie Handlung. Und wenn es so ist, wird die Sache schnell wieder abgewürgt und nicht zu Ende erzählt. Wäre das Gameplay nicht so immersiv und das Kampfsystem so kurzweilig, würde das Questdesign schnell die Freude am Spiel abwürgen. Das Ganze ist nicht schlecht aber unheimlich einfallslos. Im Kontext der schwachen Story und der flachen Nebenhandlungen sind gut 80 Prozent der Quests kaum mehr als Punkte auf einer Checkliste.
In Crimson Desert hat man das Gefühl, mit wirklich allem interagieren zu können. Schaut man genauer hin, sind sehr viele der unzähligen Spielmechaniken aber relativ konsequenzlos. Es ist toll, jedes Tier streicheln oder fangen zu können, jede Person einzeln zu grüßen und dazu noch Handelsware im Camp zu verpacken. Gleichzeitig ist vieles davon nicht Fisch nicht Fleisch. Es ist Dekoration rund um das Kerngameplay, und dieses ist dann doch nicht so komplex. Es fällt einem hin und wieder schwer, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Für alle, die sich gerne in einer Welt verlieren und von einer Ablenkung zur nächsten stolpern wollen, ist das perfekt. Dem zentralen Gameplay-Loop tut es nicht immer gut.

Diese Überfülle schlägt sich auch auf die Steuerung durch. Diese will erstmal gezähmt werden. Jeder Button ist zwei- und dreifach belegt, man springt, wenn man etwas aufheben will, sucht sekundenlang nach dem Knopf, der einen mit jemandem reden lässt, weil es zufälligerweise dieses Mal ein anderer ist als sonst, und steckt sein Schwert mitten im Kampf weg, um sich an einen Schleifstein zu setzen. Pearl Abyss wollte alles, was ihnen eingefallen ist, auch einbauen. Darüber haben sie es verabsäumt, die einzelnen Elemente gut abzustimmen. Ein paar Tage nach dem Release wurden einige Sachen an Steuerung und Mechaniken per Patch verbessert, was sehr löblich ist. Die Grundproblematik bleibt aber.
Crimson Desert ist ein Monumentalwerk mit Stärken und Schwächen, was das Spiel irgendwie charmanter macht. Man sieht die Ambition und spürt die Menschlichkeit im Scheitern an manchem hoch gesteckten Ziel. Obwohl man sich während des Spiels oft an den Kopf fasst oder über die schwach erzählte Story ärgert, ist man dennoch stets versucht, noch ein Stück zu erkunden, noch einen Quest abzuhaken. Crimson Desert sieht toll aus, spielt sich durchwachsen, erzählt einem Nonsens, lässt einen dabei fette Katzen adoptieren. Kaum in Worte zu fassen. Ein wahrer Grenadiermarsch.
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Alle Bilder (c) Pearly Abyss, heldenderfreizeit
Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.
