
Voodoo Jürgens im Interview: Warum der Entstehungsprozess seiner neuen Platte Gschnas trotz zehn Jahren Routine mit viel K(r)ampf verbunden war. Wie der kreative Prozess dann doch noch in Schwung kam und warum die Verbindung zu seiner „Ansa Partie“ weit über das Musikalische hinausgeht. Er erzählt, wie er Authentizität über Show stellt, warum er auf der Bühne lieber selbst das Steuer in der Hand behält und den Song Contest seltsam findet.
von Patrick Meerwald, 7. 3. 2026
Voodoo Jürgens fesselt sein Publikum mit ungeschminkten Geschichten und dem Zusammenspiel aus Wiener Schmäh und tiefer Ehrlichkeit auf und neben der Stage. Auch bei unserem ersten Interview mit ihm zum Release seines Hauptrollen-Debütfilms Rickerl – zeigte er sich authentisch und nahbar im Café Weidinger.

Dieses Mal trafen wir ihn vor dem Release seiner vierten Scheibe Gschnas im Kellergewölbe eines Tonstudios in Ottakring. Wir blickten im Interview auf seinen Werdegang, warfen einen Blick auf seinen eigenen Anspruch ans Songwriting, die teils frustrierenden Veränderungen im Album-Entstehungsprozess und seinen – höflich gesagt – kritischen Blick auf den Song Contest.
Ja, die Platte ist für mich immer etwas Besonderes, weil man ja nie weiß, wie es ankommt. Man werkelt dran. Im Optimalfall ist man dann irgendwann selber davon überzeugt, dass das passt. Aber wie die Leute dann darauf reagieren, das stellt sich dann immer heraus und das ist spannend.
Wir haben drei Nummern schon gespielt dieses Jahr am FM4-Geburtstagsfest. So ein Festival ist nicht der allerbeste Ort, um neue Lieder erstmals zu spielen, weil bei Festivals alles irrsinnig schnell gehen muss. Was normalerweise eineinhalb Stunden dauert, geht da in einer halben Stunde. Und das Publikum erwartet vor allem bekannte Lieder. Eine normale Album-Präsentation ist dafür immer etwas, worauf ich mich freue. Das bereitet man gut vor. Dann kann eh nicht viel schiefgehen. Die Kunst ist ja, die Fehler so zu akzeptieren. Es ist kein Malheur, wenn man mal einen zweiten Satz vergisst, sondern dass man drübersteht und weiß: Das ist menschlich, das kann passieren.
“Die Kunst ist, die Fehler zu akzeptieren.” Voodoo Jürgens über Authentizität
Ich kann mir nicht vorstellen, mich dauernd zu wiederholen. Gerade bei Liedern ist es ja so, dass ein Schmäh auch nur einmal funktioniert. Für uns als Band ist es interessant, neue Türen aufzumachen und zu schauen, was geht sich da noch alles aus, ohne dass man da jetzt so beliebig klingt wie bei anderen “Anbietern.”
“Ein Schmäh funktioniert bei Liedern nur einmal.” Voodoo Jürgens über die Freude an Veränderung

Ich habe sehr gehadert damit. Weil ich einfach vom Text komme und die Musik immer danach gerichtet habe. Wenn man die Musik zuerst macht, ist es viel geordneter. Man ist zum Beispiel auf einmal in einem Pop-Schema drin, was die textliche Freiheit einengen kann. Man muss viel schneller am Punkt sein. Ich habe eine Zeit lang gebraucht, bis ich dann meinen Weg gefunden habe, wie es trotzdem echt klingen kann. Das hat mich echt sehr frustriert teilweise. Zwischen Spaziergängen, der Lust alles und jeden anzuschreien und drei Tage nicht aus dem Bett herauskommen, weil mir alles am Arsch ging, ist alles dabei gewesen.
Ich finde ja beide Zugänge sehr interessant. Vielleicht ist auch die Mischung die Zukunft. Ein einfacher Weg war es trotzdem nicht. Ich hatte schon oft das Gefühl, ich muss die Handbremse anziehen. Das haben auch Leute in meinem Umfeld mitgekriegt. Gleichzeitig bin ich auch ein Verfechter davon, dass man es sich auch nicht zu leicht machen sollte. Wie so oft ist es so, wenn es dann wirklich eng wird, dann fängt das kreative Hirn so richtig zum Rattern an. Man würde sich immer wünschen, dass das ein bisschen früher schon eintritt, dass man sich den Stress erspart. Aber so ist es eben nicht immer. Solange alles gut gegangen ist, gibt es nichts zu bereuen.
Einfach mal alles zusammenpacken und sich zu schleichen, wäre schon manchmal wirklich verlockend, würde ich sagen. Mit einer Begleitung umso schöner, wie auch im Video zum Lied gezeigt wird.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Youtube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenEs gibt natürlich immer die Nummern, die Singles sind, die man deswegen gerne veröffentlicht. Wir sind aber ins Studio gegangen und haben gesagt, wir machen alles, was das Studio hergibt, und denken gar nicht daran, ob wir es live umsetzen können. Es ist natürlich spannend herauszufinden, was bei Konzerten funktioniert. Was es auf die Live-Setlist schafft, wissen wir jetzt noch nicht sicher. Wir kommen jetzt erst in einen richtigen Probemodus. Ich würde am liebsten gerne alle spielen können, alle Nummern von mir, und das, was ich spielen werde, spontan entscheiden.
Ich habe es immer wieder mal so gemacht, dass ich ins Publikum gerufen habe, ob es nicht eine Nummer gibt, die es hören will. Mit dem Hut, glaube ich, tut man niemandem einen Gefallen.
Die Entscheidung, welche Nummern wir als Nächstes spielen, bleibt lieber bei mir, weil ich den “richtigen” Text genau dann im Kopf habe, wann ich den Song spielen will. Und wenn von der Band, von der Seite oder sonst jemand irgendein Lied zuruft, mit dem ich jetzt überhaupt nicht gerechnet habe, ist mir schon ein paar Mal passiert, dass es mich dann “aufgeblattelt” hat.

Jetzt sind wir echt schon zehn Jahre miteinander unterwegs, echt toll. Uns hat das ja keiner vorgeschrieben so lange das zu machen, sondern wir haben das für uns geschafft. Es waren und sind echt extrem harmonische Jahre, was jetzt auch nicht selbstverständlich ist, wenn man viel Zeit in einem Bus zusammenpickt. Das hat schon viel mit Rücksicht aufeinander nehmen zu tun. Wir sind stolz darauf, dass wir das geschafft haben und immer noch in erster Linie gute Freunde sind und gerne Musik machen.
Es gibt immer wieder mal ernsthafter, mal weniger, die Überlegung, vielleicht ein Buch herauszubringen mit unseren Chat-Fotos. Mal schauen, wie breit wir das wirklich machen, ob wir es im inneren Zirkel halten oder ob das größer wird. Ich muss nochmal durchforsten, ob das wirklich alles an die Öffentlichkeit geraten darf.

Ich mache mir da eigentlich wenig Gedanken drüber. Drinnen ist immer alles von mir, ich gebe immer alles von mir rein. Was mir auffällt, ist, dass Leute das eher viel in mich rein projizieren wollen. Angenommen, wenn ich jetzt privat fortgehe, ist dann immer dieses Voodoo-Ding auch da, sogar bei Leuten, die ich von früher kenne. Es passieren manchmal so komische Sachen, wo man sich denkt: “Hey, ich bin der Gleiche wie früher”. Gerade bei (früheren) Freunden aus Tulln ist das immer wieder so. Sie glauben, sie können sich nicht mehr melden oder fragen sich, was ich mir denken könnte, wenn sie es täten. Das ist aber mehr der Brainfuck von diesen Leuten. Auf der Bühne überspitzt man Dinge, das heißt ja trotzdem nicht, dass es weniger echt ist.
“Hey, ich bin der Gleiche wie früher.” David Öllerer will trotz seines Erfolgs als Voodoo Jürgens nicht anders behandelt werden.
Ich weiß nicht, wie ich einen Bezug dazu haben könnte. Das ist so eine komplett andere Welt für mich. Wie da mit Musik umgegangen wird, als Wettbewerb, finde ich einfach seltsam. Ist Musik ein Wettkampf? Keine Ahnung. Man könnte sagen, Charts sind auch einer, aber da kannst du auf Verkaufszahlen gehen. Aber dieser ESC in den letzten Jahren, der immer mehr zu einer politischen Veranstaltung wird, genauso wie die Fußball-WM, ist ein bisschen düster für mich.
Florian Ritt von Folkshilfe: “Auch den Hörsturz hat es gebraucht”
Nino aus Wien: “Ich höre gerne Hits, ich schreibe halt keine!”
Aufmacherfoto: (c) Susanne Hassler-Smith
Der Wiener Journalist und Redakteur ist seit 2016 für die verschiedensten Musik-Stories bei heldenderfreizeit.com verantwortlich, schreibt für diverse Musikfachmedien wie Stark!Strom berichtet dabei über Konzerte, Neuerscheinungen, führt Interviews und erstellt Besten- und Playlisten zu den Top-Liedern von Musikstars.